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# Arbibs Extended Mirror System Hypothesis und Music-Readiness (Diskussion Runa & Uwe 2022-11-14)
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YR: 1. Was unterscheidet “mirror” und “imitation”?
> US: "Mirror" bezeichnet zunächst die charakteristische Funktionsweise einer bestimmten Klasse von Neuronen: Erhöhte Aktivität (Aktionspotentiale) bei Ausführung einer bestimmten Tätigkeit/Handlung (action) und erhöhte Aktivität (Aktionspotentiale) bei Wahrnehmung der gleichen Tötigkeit/Handlung. (action))
> => "mirror neuron" bei Makaken
> => beim Menschen: "mirror system" frontal / parietal Aktivitäten
> => allgemein "mirror mechanism" (Rizzolatti et al.)
> ==> 1997/98 Arbib/Rizzolatti => Sprach(evolution) => mirror system hypothesis; Arbib erweitert diese Hypothese zur extended mirror system hypothesis, die dann wieder unter der Bezeichnung "mirror system hypothesis (MSH) in der Sprachevolutionsforschung diskutiert wird.
> neurowissenschaftliche Stützung der Sprachevolutionsthese, dass menschliche Sprache sich über Gestik entwickelt habe
> ==> 1998 Gallese: social cognition => Empathy -> Ästhetik (Theodor Lipps: psychologische Ästhetik)
> Unterscheidung 'mirror' und 'imitation'
> Spiegelung (mirroring) => Handlungsausführung / Handlungswahrnehmung
Imitation => Form des sozialen Lernens ==> social cognition
> - Spiegelung als Voraussetzung für Imitation.
> - Spiegelneuronen als Teil eines neuronalen Korrelates für Imitation.
YR: 2. Warum LR4 kommt bei S1 and S2 vor?
> US: Linearisierung/Sequentialisierung von "Wahrnehmungszusammenhängen" für die Bewegungsausführung bei Makaken (zum Problemfeld: vgl. Lashley 1951).
YR: 3. Ist LR4 relevant für MR2, d.h. combinatoriality?
> US: Ja, wenn man S1, S2, S3 und S4 als Stadien versteht, in denen sich die Fähigkeit der Linearisierung komplexerer hierarchischer Strukturen entwickelt.
> MR2 dient der Erklärung des Zustandekommens der neurokognitiven Mechanismen für discrete/digital infinity (Chomsky) bzw. der generativity (Merker).
YR: 4. Is “hierarchical structuring” the most fundamental property for the language ready brain? Wie sieht bei MR aus? Würdest Du "hierarchical structuring" auch als fundamentalste property für MR behaupten?
> US: Hierarchische Strukturierung scheint eine Grundprinzip kognitiver Phänomene insgesamt zu sein. cf. Lashley 1951 "The problem of serial order in behavior.": Bewegungsplanung erfordert eine hierarchische Strukturierung des dann erfolgenden (sequentiellen) Bewegungsablaufs.
YR: 5. “Parity” scheint mir ein theoretisches Konstrukt der Denkrichtung der traditionellen Kommunikationstheorie zu sein. (Vgl. Seifert 2020: 89: “That an utterance has almost the same meaning for sender and receiver is referred to as ‚parity‘.
> US: Parity in Sprache und Musik sind m. E. zu unterscheiden. Eventuell kann man von Parität in der Musik nicht sprechen(cf. Cross' "floating intentionality"). Parity könnte m. E. für Musik durch Entrainment bzw. körperliche Synchronisation gegeben zu sein (vgl. MR3: Die "Übertragung" von individuellen emotional-motivationalen Zuständen durch soziale Interaktion auf Gruppenmitgliedern führt zu kollektivem "emotional-motivationalem Erleben".). Insofern könnte man davon sprechen, dass eine prälinguistisch-präkonzeptuelle (pragmatische) Parität vor der Entstehung der Parität symbolischer Zeichen wie der natürlichen Sprache bestand.
YR: 6. Denkst Du, dass MR in S5 u. S6 der LR entsteht?
> US:Ja, eventuell eher S5 - wenn man die Stadien für die Entwicklung der LR akzeptiert und musikalischen Strukturen die Möglichkeit eines symbolischen Gehalts zuspricht.
YR: Ich stimme nicht zu. Ich bin der Meinung, dass Musik viel früher als Sprache entsteht (vgl. meine Tabelle zur Music-tool coevolution).
> US: Dies könnte sein, wenn man MR1 und MR3 sowie meine Überlegung zur Parität in "Musik" in Betracht zieht.
YR: Mein Eindruck ist, dass LR den theoretischen Umfang der MR beschränkt. MR2 ist vielleicht mit LR kompatibel.
> US: MR2 steht im Kontext der MSH (mirror system hypothesis), die über die mirror mechanisma hinausgeht.
YR: Aber MR1 und MR3 sind schwierig.
> US: MR1 steht aber mit der MSH derart in Beziehung, dass die Entwicklung der neuronalen Steuerung der Bewegungsausführung relevant ist.
MR3 stellt eine Ergänzung für die MSH dar. Der Fokus wird auf emotional-motivationale Prozesse und soziale Interaktion gelenkt.
YR: 6. Warum muss man die Evolution der MR auf LR beschränken?
> US: Muss man nicht und ist auch nicht sinnvoll. Die Mirror System Hypothesis stellt einen guten Ausgangs- und Bezugspunkt dar, um einen konzeptionell und epistemologisch-methodologisch fundierten kognitionswissenschaftlichen Forschungsrahmen (Sprevak & Colombo 2019) für die Erforschung der Evolution der Musikfähigkeit zu entwickeln, der Theorie, Empirie und (computationale) Modellbildung integriert.
### The Computational Approach to the Mind
- Sprevak, M., & Colombo, M. (Eds.). (2019). The Routledge Handbook of the Computational Mind. New York: Routledge.
### On Mirror Neurons
- Heyes, C., & Catmur, C. (2022). What Happened to Mirror Neurons? Perspectives on Psychological Science, 17(1), 153-168. doi:10.1177/1745691621990638
- Bonini, L., Rotunno, C., Arcuri, E., & Gallese, V. (2022). Mirror neurons 30 years later: implications and applications. Trends in Cognitive Sciences, 26(9), 767-781. doi:10.1016/j.tics.2022.06.003
### The Mirror System Hypothesis
- Arbib, M. A. (Ed.) (2020). How the Brain Got Language – Towards a New Road Map. Amsterdam: Benjamins.
- Arbib, M. A. (2013). Précis of How the brain got language: The Mirror System Hypothesis. Language and Cognition, 5(2-3), 107–131. doi:doi:10.1515/langcog-2013-0007
- Arbib, M. A. (2002, [1999]). Crusoe’s Brain: Of Solitude and Society. In R. J. Russell, N. Murphy, T. C. Meyering, & M. -- A. Arbib (Eds.), Neuroscience and the Person: Scientific Perspectives on Devine Action (pp. 419–448). Vatican City State / Berkeley, CA: Vatican Observatory Publication / Center for Theology and the Natural Sciences.