--- breaks: false --- # Musik vermitteln Berufsbezogenes Schreiben in der Musikwissenschaft für Konzert-Programmhefte und das Netz *[bezieht sich auf dieses [CfP](https://www.soziopolis.de/fileadmin/Editorial/Calls/CfP_Schreiben_publikationsorientiert_lehren_31.03.21.pdf)]* ## Einleitung Schreiben für die Öffentlichkeit ist in vielen geistes- und kulturwissenschaftlichen Berufen fester Bestandteil der Tätigkeit. In der Musikwissenschaft gehört zu den schreibintensiven Berufen die Konzertdramaturgie. Konzertdramaturginnen und -dramaturgen obliegt es, dem Publikum Musik zu vermitteln, zu einem großen Teil geschieht diese Vermittlung mit Hilfe von Texten. Konzertdramaturg:innen schreiben oder verantworten Programmhefte mit Einführungen zu Werken, die in Konzerten erklingen. An diese berufliche Perspektive knüpft das Projekt *Konzertdramaturgie – Schreiben für den Ernstfall* an, das am Institut für Musikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main seit 2010 kontinuierlich zum Studienangebot gehört. Studierende verfassen zu öffentlichen Konzerten Einführungstexte, die in den Programmheften publiziert werden. Neben dem Einblick in ein mögliches Berufsfeld soll das Projekt vor allem die Schreibkompetenz der Teilnehmenden fördern. Das Projekt *Konzertdramaturgie* soll in diesem Beitrag vorgestellt werden als ein Beispiel für publikationsorientierte Schreibdidaktik. Neben das Schreiben für gedruckte Programmhefte trat im Jahr 2020 das Schreiben für das Netz. Was zunächst den Umständen der Covid-19-Pandemie geschuldet war, entwickelte sich zu einer willkommenen inhaltlichen Bereicherung insofern, als das Schreiben unter den Bedingungen des Internets ein zusätzlicher Bestandteil des Projekts wurde. Die Darstellung des Projekts *Konzertdramaturgie* wird, so hoffe ich, über die Grenzen des Faches Musikwissenschaft hinaus auch für andere Disziplinen anregend sein: für andere Kulturwissenschaften vor allem, in denen Kulturvermittlung schreibend geschieht, aber auch für Wissenschaften darüber hinaus, in sofern Elemente der Schreibdidaktik und der Organisation im Kontext publikationsorientierter Schreibdidaktik erörtert werden. Die Darstellung beruht primär auf den Erfahrungen mit Konzept und Durchführung aus der Perspektive der Projektleitung. Zunächst werde ich die Textsorte und Publikationsform des Programmhefttextes reflektieren und darstellen, welche Anforderungen sich daraus für die Schreibenden ergeben. Weiter unten gehe ich auch auf die Besonderheiten des Schreibens für das Netz ein. Ich erkläre die Grundidee und den organisatorischen Rahmen des Projekts *Konzertdramaturgie* sowie die eingesetzten schreibdidaktischen Elemente. Ich diskutiere Gelingensbedingungen, Chancen und Herausforderungen und frage schließlich nach Perspektiven der konzeptionellen Weiterentwicklung und der Übertragbarkeit auf andere Fächer. ## Textsorte *Programmhefttext* Der Programmhefttext ist ein Genre mit spezifischer Tradition und relativ eng abgegrentzen Rezeptionskontext. In Konzerten klassischer Musik ist es üblich, dass begleitend zum Konzert Broschüren produziert werden, die über den Programmablauf und die ausführenden Musiker:innen informieren sowie einführende Texte zu den gespielten Werken enthalten. Einführungstexte in Programmheften sind verwandt, aber wegen der unterschiedlichen Rezeptionssituation nicht identisch mit Werkeinführungen etwa in Konzertführern. Der Programmhefttext ist einerseits ein im Alltag des klassischen Musiklebens fest verankertes Gebrauchs-Genre. Er erfülle, so die Dramaturgin und Autorin Stefanie Wördemann, ein "Grundbedürfnis vieler Musikfreunde" (Wördemann 2005:274). Denn "Einblicke in die Entstehungsumstände von Musik sowie in ihre Rezeptionsgeschichte können wertvolle Anregungen zum Hören [...] geben." (Wördemann 2005:275) Die implizite Annahme jedoch, dass Information förderlich oder gar notwendig für adäquate und differenzierte Sinneswahrnehmung oder das Verständnis von Kunstwerken sei, erscheint als allzu eindimensional. Der Einfluss von Information auf die Musikwahrnehmung ist zwar belegt, wirkt sich jedoch in verschiedenen Dimensionen aus und ist nicht eindeutig vorhersagbar (vgl. Fischinger 2018 oder Bennett 2018). Zudem ist der Programmhefttext in seiner kommunikativen und sozialen Funktion durchaus mehrdeutig, wie etwa Christiane Tewinkel (Tewinkel 2016) oder Christian Thorau (Thorau 2007) gezeigt haben. Thorau arbeitet die historischen Ursprünge des Genres in der bürgerlichen Musikkultur des 19. Jahrhunderts heraus, in der die Tendenz zur "Unterordnung des Musikalischen unter das Sprachliche" eine Entstehungsbedingung für Erläuterungstexte gewesen sei. Tewinkel erkennt in "Aspekte[n] der sozialen Distinktion eine Leitfunktion für die Übermittlung von Wissen über Musik im Konzertalltag" (Tewinkel 2016:53). <!-- tewinkel16 --> <!-- historische Änderungen in Programmhefttexten: zuletzt allgemeinverständlicher, "Konkurrenzerlebnis" zum Musikhören --> <!-- neue Bewegung: Konzerte ohne Programmhefte --> <!-- Schlussfolgerung: Ph ist Signal, dass das "Konzert mit einem gewissen Bildungsanspruch einhergeht", hat "Sekundärfunktionen" --> <!-- Mit der Suche nach neuen Formen und Formaten des Konzerts entstehen neue Formen --> <!-- der Musikvermittlung, die die Funktion des traditionellen Programmhefttextes --> <!-- mehr und mehr übernehmen. Zu ihnen gehören mündliche Einführungen, Gespräche mit --> <!-- den Künstlern vor dem Konzertpublikum oder die Begleitung von Konzerten auf --> <!-- Social Media. --> Trotz dieser grundsätzlichen Problematik bleibt der Programmhefttext ein etabliertes Medium der Musikvermittlung und bietet die Chance, mit Texten bei Rezipient:innen Wirkungen zu erzielen. In diesem Sinne steht er im Projekt Konzertdramaturgie im Zentrum der Arbeit. Ziel der Schreibdidaktik im Projekt ist daher nicht nur die Aufbereitung und Vermittlung musikwissenschaftlicher Fachkenntnis. Die Studierenen sollen vielmehr auch textrhetorisches Arbeiten einüben, die Adressatenorientierung, ihre Wirkungsabsichten und die adäquate sprachliche Gestaltung ihrer Texte reflektieren. Vor diesem Hintergrund basiert die Schreibarbeit im Projekt auf den folgenden Grundannahmen: + Der Programmhefttext soll nicht nur informieren oder ein Bildungsbedürfnis befriedigen, sondern zum ästhetischen Erlebnis im Konzert beitragen. + Er soll in einer Situation rezipierbar sein, die nicht frei von Ablenkung ist -- typischerweise in den Minuten vor dem Beginn des Konzerts. Daraus ergibt sich etwa die Forderung nach verständlicher Textgestaltung. + Er soll verständlich und attraktiv auch für solche Lesende sein, die nicht über musikalisches Fachwissen verfügen. + Da er ein positives Musikerlebnis unterstützen soll, drückt der Text eine positive Grundhaltung zum Werk aus. Dies unterscheidet ihn etwa vom Genre der Musikkritik. Außerem spricht er nicht nur aus sich selbst, sondern nimmt Bezug auf die hörende Rezeption der Musik. Im Gegensatz zu universitären Sach- oder argumentativen Texten, die Studierende regelmäßig im Studium verfassen, stehen daher die Kritierien er Verständlichkeit und Attraktivität stärker im Vordergrund. Die Texte sollen bewusst nicht nur informieren, sondern die Erwartungen, die Haltung und die Emotionen der Lesenden gegenüber der Musik ansprechen. Dennoch geben die Texte ihren wissenschaftlichen Anspruch nicht preis. Denn sie müssen auf genauer und zuverlässiger Kenntnis der behandelten Werke beruhen, auf stimmiger und fundierter Hermeneutik. Auch wenn keine Fachsprache angestrebt wird, müssen musikalische Begriffe sicher und präzise verwendet werden. Musikalische Sachverhalte sollen nicht nur beschrieben, sondern auch reflektiert werden. <!-- Im Sinne der Wirkungsabsichten in der klassischen Rhetorik (docere – movere – --> <!-- delectare; vgl. Schlüter 1974:22) haben --> <!-- Programmhefttexte damit primär Überzeugungsfunktion, jedoch im Sinne einer --> <!-- Einflussnahme auf die Haltung und das ästhetische Erleben der Lesenden, sie sollen nicht von einer --> <!-- bestimmten Sichtweise der Autorin überzeugen oder zu einer Handlung bewegen. --> <!-- https://de.wikipedia.org/wiki/Officia_oratoris --> <!-- ### Gegenstand Musik --> Die Arbeit an Programmhefttexten hat daher neben der Förderung der sprachlichen und textrhetorischen Kompetenz durchaus eine Funktion für die Entwicklung fachlicher Fähigkeiten. <!-- Denn Musik schreibend zu vermitteln bedeutet auch, sich --> <!-- intensiv gedanklich mit dem Gegenstand auseinanderzusetzen. Zwar richten sich --> <!-- die im Projekt verfassten Texte an eine nicht-fachliche Leserschaft und erheben --> <!-- nicht den Anspruch wissenschaftlicher oder akademischer Arbeiten. Dennoch --> <!-- erfordern sie von den Schreibenden das Reflektieren musikalischer Sachverhalte. --> Auch beim populärwissenschaftlichen Schreiben dürfte gelten, was Katrin Girgensohn und Nadja Sennewald zu schreibintensiven Seminaren resümieren: "Studierende [schreibintensiver Seminare] setzen sich gründlicher mit den Inhalten auseinander – sowohl im Seminar selbst als auch außerhalb des Seminarraums." (Girgensohn/Sennewald 2012: 60) Das Verfassen von Programmhefttexten bilden die Grundlage des Projekts. Die Grundgedanken und die Organisation der Arbeit sollen zunächst in diesem Kontext, hinsichtlich der Bedingungen der Programmheftproduktion, beschrieben werden. Weiter unten greife ich dann die Besonderheiten des Schreibens von Onlinetexten auf. ## Organisation, Textproduktion, Methodik ### Ursprünge, Einbettung in die universitäre Lehre Im Jahr 2010 hat Prof. Dr. Marion Saxer das Projekt *Konzertdramaturgie* am Institut für Musikwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt ins Leben gerufen. 2012 übernahm Dr. Jochen Stolla die Leitung. Das Projekt war von Beginn an ein nicht-kurrikulares Studienangebot. Die Autor:innen können sich die Mitarbeit im Projekt nicht als Studienleistung anrechnen lassen. Stattdessen wird sie finanziell honoriert. Für diese Honorare und für die Durchführung, die nicht auf einem regulären Lehrauftrag beruht, werden Fördermittel eingeworben. Zurzeit wird das Projekt von der Frankfurter Cronstetten-Stiftung gefördert. Die Honorierung der Autor:innen hat zudem die Funktion, den professionellen Charakter der Arbeit zu unterstreichen, wie er auch im Untertitel des Projekts, "Schreiben für den Ernstfall", angedeutet ist. Das Schreiben für eine Öffentlichkeit, also nicht ausschließlich für Personen, die der Schreiberin bekannt sind, sowie die zwingende Einhaltung terminlicher Vorgaben, tragen ebenfalls zu diesem professionellen Charakter bei. Dieser wiederum dürfte sich positiv auf die Motivation der Studierenden auswirken und deren Anspruch an sich selbst, qualitativ hochwertige Texte zu produzieren. Schreibanlässe bilden öffentliche Konzerte. In der Anfangsphase waren dies Veranstaltungen der Hochschule für Musik und Darstellende (HfMDK) Kunst Frankfurt am Main. Studierende der Musikhochschule präsentieren ihr Können regelmäßig in öffentlichen Konzerten, daneben veranstaltet die Hochschule Konzerte von Lehrenden und konzipiert spezielle Konzertreihen wie etwa die Reihe "shortcuts". Vermittelt durch das Künstlerische Betriebsbüro der HfMDK übernehmen die Autor:innen Aufträge, Texte für Programmhefte zu verfassen. Die Zusammenarbeit mit der HfMKD hat zudem die Funktion, Studierende der Musikwissenschaft mit der praktischen künstlerischen Arbeit an der Musikhochschule in Kontakt zu bringen. Nach und nach wurden weitere Kooperationen mit Konzertveranstaltern aufgebaut. So entstanden und entstehen Texte für den Hessischen Rundfunk (hr-Sinfonieorchester), das Rheingau Musik Festival, der Universitätsmusik der Goethe-Universität, dem Archiv Frau und Musik sowie dem Frankfurter Tonkünstlerbund. ### Organisation der Textproduktion Der erste Schritt im Organisationsprozess ist die Akquise von Schreibaufträgen. Die Konzerveranstalter machen Angebote für mögliche Beiträge, aus denen die Studierenden auswählen. Die Angebote werden auf einer gemeinsam einseh- und nutzbaren Tabelle auf einer Onlineplattform (Google Docs) zusammengestellt. Jede:r Autor:in schreibt in der Regel ein bis drei Texte im Semester. Aus den Abgabeterminen, die sich aus den Konzertterminen und den redaktionellen Abläufen beim Veranstalter ergeben, resultiert die Zeitplanung für den Schreibprozess und die Produktion der einzelnen Texte. Da die Texte über einen etwa dreiwöchigen Zeitraum kollaborativ überarbeitet werden (s. u.), müssen die Schreibaufträge mit einigen Wochen Vorlauf geplant werden. Zwischen dem Angebot für einen Schreibauftrag und der Abgabe des Textes liegen in der Regel mindestens sechs Wochen. Layout und Produktion der Programmhefte sind nicht Bestandteil der Projektarbeit, diese Aufgaben bleiben beim Veranstalter, nachdem die fertigen Texte übergeben sind. ### Schreibdidaktische Elemente Die Textproduktion und die Förderung der Schreibkompetenz wird durch verschiedene Lern- und Arbeitsformen unterstützt. Eine wesentliche Rolle spielt Feedback. Nachdem die Autor:in in individueller Arbeit eine Erstfassung vorgelegt hat, folgen zwei Phasen der Rückmeldung und der kollaborativen Überarbeitung. In der ersten Phase arbeitet die Autorin mit einem studentischen Partner zusammen, in der zweiten Phase wird der Text im Dialog mit dem Projektleiter oder einer anderen betreuenden Person (einer studentischen Mitarbeiter:in) weiter bearbeitet. Für die beiden Phasen sind jeweils zehn Tage anberaumt. Auch wenn es den Beteiligten freisteht, sich zur Besprechung eines Textes zu treffen, erfolgt dennoch in aller Regel die gemeinsame Arbeit am Text asynchron mit Hilfe von Onlineplattformen. Die Verwendung einer bestimmten Plattform ist dabei nicht vorgegeben. Im Projekt wurde bisher vorwiegend gearbeitet mit Google-Dokumenten, Etherpad und dem Markdown-Editor *hackmd.io*. Der Autor stellt seine Erstfassung dort online bereit und sendet seinen Arbeitspartner:innen Freigabelinks. Das Feedback und die Diskussion der Texte findet sodann auf verschiedenen Ebenen statt. Die Partner können direkt im Text Änderungen vornehmen oder vorschlagen, sie können die Kommentarfunktion nutzen oder übergeordnete Anmerkungen zum Text per E-Mail austauschen. Ein Vorzug der Arbeit auf Online-Plattformen ist die Transparenz: Auch andere Personen als die gerade aktiven sehen den aktuellen Bearbeitungsstand und können die Diskussionen nachvollziehen. Die Freigabelinks werden mit allen am Projekt Beteiligten geteilt – wobei sich in der Praxis zeigt, dass sich Personen außerhalb der jeweiligen Arbeitspartnerschaft nur selten am Diskurs beteiligen. Wichtig ist diese Transparenz besonders für die Arbeit in der zweiten Phase, indem der Dozent sich ein Bild über vorausgegangene Prozesse machen kann. Auch das synchrone gemeinsame Arbeiten an einem Online-Text, das auf allen gängigen Plattformen möglich ist und etwa während eines Telefonats geschehen kann, wird kaum praktiziert. Neben dem schriftbasierten Feedback mittels Kommentaren, Änderungsvorschlägen und E-Mails hat sich in den letzten Semestern ein weiteres Medium etabliert: das Textfeedback via Video. Als Betreuer setze ich Videos regelmäßig ein, um mein erstes Feedback auf einen Text zu geben, nachdem die erste, rein studentische Überarbeitungsphase beendet ist. Für das Video zeichne ich den Bildschirminhalt meines Computers auf, der den zu besprechenden Text anzeigt, und gesprochenen Kommentar. (Einzelheiten zum Vorgehen habe ich in einem Video dargestellt, vgl. Stolla 2021.) Gerade weil bei einem ersten Feedback "Higher Order Concerns" im Vordergrund stehen wie Aufbau, inhaltliche Ausrichtung oder Sprachebene, ist das Video als mündliches Medium in dieser Phase ein besonders geeignetes Mittel. Übergreifende Anmerkungen zu einem Text, lassen sich mündlich mit weniger Mühe ausdrücken als in einem geschriebenen Kommentar. Die Studierenden ihrerseits haben rückgemeldet, dass sie die gesprochenen Anmerkungen im Video meist gut annehmen und verarbeiten können. (Ähnliche Erfahrungen hat Philippe Wampfler gemacht: Wampfler 2020.) Die individuelle und kollaborative Arbeit am zu publizierenden Text bildet für die Beteiligten den wesentlichen Teil der Projektarbeit. Dies gilt sowohl für den Zeitaufwand als auch für die Bedeutung, die die Studierenden dieser Arbeit beimessen. Dennoch berücksichtigt die Konzeption des Projekts auch die Aspekte der Schreibprozesssteuerung und der Berufsorientierung. Fragen der Textplanung, des Schreibprozesses und die Reflexion stilistischer Grundsätze sind Inhalte von jeweils zwei Seminarsitzungen, die pro Semester zusätzlich zur begleiteten Textarbeit angeboten werden. Vorbereitend werden bisweilen Lehrvideos genutzt, die teils gezielt für das Projekt *Konzertdramaturgie*, teils im Rahmen eines anderen schreibdidaktischen Projekts am Institut für Musikwissenschaft der Goethe-Universität produziert wurden ("Schreiben über Musik", vgl. Stolla 2018). Ein dritter Seminartermin ist einer Gastreferentin oder einem Gastreferenten gewidmet, der aus seiner Berufspraxis als Konzertdramaturg berichtet und den Studierenden zum Gespräch zur Verfügung steht. ### Blog Das Publizieren in Konzert-Programmheften wurde im Frühjahr 2020 durch die Covid-19-Pandemie unterbrochen. Öffentliche Konzerte konnten für Monate nicht stattfinden; damit fielen die Schreibanlässe fort, auf denen das Projekt beruhte. Die Leitung und die Teilnehmenden wichen daraufhin im Sommersemester 2020 auf ein anderes Publikationsmedium aus: Texte über musikalische Werke wurden, unabhängig von Konzerten, in einem Blog veröffentlicht. Technisch realisiert wird der Blog auf auf einem gemieteten Server; auf der Grundlage eines Webservers und des Content-Management-System PicoCMS (https://picocms.org) wurde die Website gestaltet, die Domain werktextblog.de wurde registriert. Am 29. Juni 2020 ging der Werktextblog mit dem ersten Beitrag "Vom Sturm geschüttelt, am Ofen gewärmt" von Johanna Sinn online. Die neue und vom Konzertereignis unabhängige Publikationsform bedingte eine konzeptionelle Neuausrichtung. Im Gegensatz zu Programmhefttexten sind die Autor:innen in der Wahl der Themen relativ frei. Die Werke, über die geschrieben wird, sind nicht mehr durch Konzertprogramme vorgegeben. Damit kommt den Autor:innen eine zusätzliche journalistische Kernaufgabe zu: das Finden und Setzen von Themen. Der thematischen Freiheit sind indes Grenzen gesetzt. Um eine inhaltliche Geschlossenheit des Blogs zu gewährleisten, wurde ein thematischer Rahmen verabredet. Im Sommersemester behandelten alle Texte Orchestermusik des 19\. Jahrhunderts, in der Folge wurde diese Vorgabe breiter gefasst. Auch der Umfang der Texte ist nicht mehr durch Print-Produktionsbedingungen vorgegeben. Der verabredete Richtwert von 3000–4000 Zeichen beschreibt keine strikten Grenzen. Vor allem aber wurde die Ausrichtung der Texte dem Medium Internet und der Zielgruppe angepasst. Schreiben für das Netz bedeutet, die besonderen Bedingungen und Kommunikationsstrukturen der Digitalität zu berücksichtigen, zu denen etwa die von Felix Stalder herausgearbeiteten Merkmale der Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität gehören (Stalder 2016), aber auch veränderte Rezeptionsumstände und -gewohnheiten. Für Lea Matzen ergeben sich daraus als wichtigste Bedingungen für das Schreiben von Online-Texten: "anderes Leseverhalten als bei Printmedien, ständige Aktualisierbarkeit, Hypertextualität, die zu nicht linearem Erzählen führen kann, einfachere und deshalb stärkere Interaktivität als bei anderen Medien, Multimedialität, (theoretisch) unbeschränkter Umfang, Ubiquität" (Matzen 2014:11). Die Digitalität des Schreibprozesses (vgl. etwa Wampfler 2020:13ff) hingegen – etwa die Nutzung digitaler Werkzeuge und Hilfsmittel oder die kollaborative Textarbeit auf Online-Plattformen – war von der Umstellung auf die Blogpublikation kaum berührt. Denn die Textproduktion fand auch zuvor bereits für gedruckte Programmhefte auf digitaler, kollaborativer Ebene statt. Für die Projektleitung kamen indes die Handhabung des CMS, die Aufbereitung der Texte und das Weblayout als Aufgaben hinzu. Aus den Bedingungen des Schreibens für das Internet wurden gemeinsame Richtlinien für die Blogtexte abgeleitet. Da es Netz-Texte sind und um der Referentialität und der Gemeinschaftlichkeit Rechnung zu tragen, sind Links zu anderen Internetressourcen als festes Element gewünscht. Die Texte sind multimedial, das heißt, über den reinen Text hinaus enthalten sie Bilder (Abbildungen von Kunstwerken, Fotos, Notenbeispiele), Hörbeispiele und Videos. So ist in jeden Beitrag auf dem Werktextblog eine oder mehrere online abrufbare Hörempfehlungen (z. B. Youtube-Video) eingebettet. Der Duktus und die Ansprache der Lesenden ist persönlicher und erzählender. Stärker als in vielen Print-Textsorten – und auch in konventionellen Programmhefttexten – tritt in einem Blogtext die Autorin oder der Autor als Person in Erscheinung. Denn: "Weblogs, kurz Blogs genannt, sind keine journalistischen Darstellungsform im engeren Sinne. Wer ein Blog einrichtet, kann darin persönliche Erlebnisse und Meinungen veröffentlichen oder nach journalistischen Standards publizieren. Auf Medienportalen bloggen sowohl Journalisten als auch User." (Matzen 2014:107) Deshalb sollen in den Beiträgen für den Werktextblog die Autor:innen prononciert als Personen mit den Lesenden kommunizieren. Eine eigene Sicht auf das besprochene Werk ist im Blog erwünscht. Sie kann sich etwa äußern in Assoziationen und Bezügen, die ausgehend von der Musik hergestellt werden, in der Auswahl der Bilder und der Hörbeispiele, aber auch in kreativen Gedankenverbindungen oder individueller sprachlicher Gestaltung. Insbesondere arbeiten die Autor:innen mit Stilmitteln des Storytelling (vgl. etwa Lampert 2017). Bei alldem bleibt die spezifische musikwissenschaftliche Kompetenz der Autor:innen als entscheidendes Merkmal bestehen. Die Texte sollen dicht an der Musik sein; Verständnis der Kompositionen und die Fähigkeit, Musik in Kontexten und strukturell zu hören und Gehörtes in Worte zu fassen: Dies soll die Texte des Werktextblogs als kompetente Musiktexte auszeichnen. Damit erweist sich gegenüber dem traditionellen Schreiben für Print ein erweitertes schreibdidaktisches Potenzial. - Die berufspraktische Perspektive, die von Beginn an zentral für das Projekt war, wird um neue Aspekte bereichert. Denn auch für Musikdramaturg\*innen ist in den letzten Jahren das Schreiben unter den Bedingungen des Internets immer wichtiger geworden. - Das Finden und Setzen von Themen als eine grundlegende journalistische Aufgabe fällt jetzt in die Verantwortung der Autor\*innen. Beim Schreiben für Konzerte geben dagenen die Konzertveranstalter\*innen vor, über welche Themen geschrieben wird. - Die besonderen Bedingungen des Schreibens im Netz wie persönlichere Ansprache der Adressat:innen, Vernetzung mit anderen Texten und das Dialogpotenzial von Äußerungen im Internet werden reflektiert und geübt. - Die Texte sind stilistisch und formal nicht an die Konventionen des Konzertprogrammhefts gebunden. Es besteht also Raum für größere sprachliche und erzählerische Freiheit. Andere, zentrale schreibdidaktische Grundsätze des Projekts blieben dabei auch in der Arbeit für den Blog bestehen. Zu ihnen gehören der Anspruch, allgemeinverständliche und dennoch fundierte Texte über Musik zu verfassen, die an ein Nicht-Fachpublikum gerichtet sind. Der Prozess der Textproduktion wird weiterhin intensiv betreut und die Texte unterliegen einem hohen Qualitätsanspruch. Die professionelle Haltung dem eigenen Schreiben gegenüber ist auch bei der persönlicher geprägten Netzkommunikation nicht geschmälert. ### Hybride Publikationsformen Ab dem Sommer 2021 wurde es schrittweise möglich, wieder Konzerte zu veranstalten. Nach der Erfahrung mit dem Online-Texten hat sich sich damit die Frage gestellt, wie beides sinnvoll und zu beiderseitigem Nutzen verbunden werden kann. Zwei Ansätze, die Print- und Onlinetexte miteinander verknüpfen, wurden bisher erprobt. Für ein Konzert, das im November 2020 stattfinden sollte (aber dann nicht als öffentliche Veranstaltung durchgeführt wurde), haben Autor:innen des Projekts Schreibaufträge übernommen. Dabei war geplant, dass Texte eines vorgegebenen Umfangs in den gedruckten Heften erscheinen und zusätzlich auf dem Blog publiziert werden. Die Blogversion sollte um multimediales Material sowie Links erweitert werden. In den Heften wurde auf den Blog hingewiesen und umgekehrt wurde im Blog deutlich gemacht, für welches Konzert der jeweilige Text verfasst wurde. Neben dieser gewissermaßen doppelten Publikation wurde im Oktober 2021 erstmals ein im eigentlichen Sinne hybrides Modell verwirklicht. Zu zwei Konzerten des Frankfurter Tonkünstlerbundes wurden Texte verfasst, die ausschließlich im Blog erschienen. In den Programmheften wurden die Texte nicht abgedruckt, sondern stattdessen QR-Codes, mittels derer Konzertbesucher:innen die Texte auf dem Smartphone online abrufen können. Bei den QR-Codes stand ein kurzer Teaser-Satz mit der Funktion, auf den Onlinetext neugierig zu machen. <!-- An den Abenden der --> <!-- Konzerte, die von insgesamt ca. 100 Personen besucht waren, wurden die fünf --> <!-- Texte 100 Mal aufgerufen. Unter der Annahme, dass jeder Textnutzer zwei Texte --> <!-- aufgerufen hat, hätten 30 % der Konzertbesuchenden das Angebot der --> <!-- Online-Werktexte in Anspruch genommen. --> ## Bewertung, best practices, Herausforderungen Im Folgenden versuche ich eine Einschätzung des Projekts und seiner methodischen Komponenten. Sie beruht im Wesentlichen auf den Erfahrungen aus der Projektleitung, außerdem auf teils systematische eingeholten, teils informellen Rückmeldungen von Studierenden und Kolleg:innen. <!-- Eine wissenschaftliche Evaluation wurde im Projekt *Konzertdramaturgie* bisher --> <!-- nicht vorgenommen. Sie hätte zu überprüfen, ob die Intentionen des Projekts sich in messbarer --> <!-- Weise in der (mehrdimensionalen) Schreibkompetenz der teilnehmenden --> <!-- Studierenden niederschlagen. An dieser Stelle muss sich die Bewertung des --> <!-- Projekts im Wesentlichen auf die persönlichen Erfahrungen beziehen, gestützt von --> <!-- Forschungen an anderer Stelle und von teils systematische eingeholten, teils --> <!-- informellen Rückmeldungen von Studierenden und Kolleg:innen. --> Zunächst scheint die langjährige Kontinuität des Projekts für die Stimmigkeit des Konzepts zu sprechen. Innerhalb des Instituts für Musikwissenschaft wiederum erfährt das Projekt Wertschätzung und Unterstützung etwa hinsichtlich der Mittelbeantragung oder der Finanzverwaltung. Ohne diesen Rückhalt wäre ein solches Angebot auf längere Sicht wohl kaum aufrechtzuerhalten. Kolleg:innen melden zudem immer wieder zurück, dass sie bei Teilnehmenden des Projekts Fortschritte in der Schreibkompetenz beobachten. Vor allem die intensive Begleitung der Textproduktion ist hierzu ein weichtiges Mittel – auch aus Sicht der Autor:innen. So schreibt eine Studentin als Resümee ihrer Arbeit: "Mir hat vor allem das Feedback zum eigenen Schreibstil sehr weitergeholfen und es gibt einige Dinge, auf die ich in Zukunft verstärkt achten werde (sowohl bei 'freieren' Texten wie den Blogtexten als auch bei wissenschaftlicheren Texten wie Hausarbeiten)." Die Wichtigkeit des Feedbacks aus studentischer Sicht wird dadurch unterstrichen, dass einige Studierende sich zusätzlich Anregungen dazu wünschten, wie sinnvolles Feedback auf Texte aussehen kann. (Diese Anregung wurde mittlerweile aufgegriffen und in das Themenrepertoire der begleitenden Seminarsitzungen aufgenommen.) Ergebnisse einer Umfrage unter Teilnehmenden stützen die These, dass das Feedback für die Studierenden ein zentrales Element ist. Insbesondere das Feedback mittels Video hat sich bewährt, da es die Vorzüge mündlicher Rückmeldung und die Möglichkeit der asynchronen Kommunikation zwischen Feedback-Geber:in und -Nehmer:in vereint und mit überschaubarem Aufwand produziert werden kann. So hob eine Studentin die Chancen des Video-Feedbacks gegenüber schriftlichen Kommentaren hervor: "Ich fand das Video sehr hilfreich, da doch deutlich umfangreichere und detailliertere Kommentare möglich sind. Ich denke, gerade für allgemeinere Diskussionspunkte abseits von konkreten Formulierungen ist es eine gute Alternative, da man durch die fehlende Verschriftlichung und damit mögliche Vorgaben eher noch etwas freier in der Suche nach Alternativen war – so mein Eindruck." (persönliche Mitteilung per E-Mail) <!-- (Phia-Charlotte Jensen, Mail 21.03.2018) --> Fridrun Freise und Mirjam Schubert haben darauf hingewiesen, dass Feedback durch die Lehrperson nicht nur zur Textqualität und Schreibkompetenz der Autorin, sondern auch zur fachlichen Sozialisation beiträgt. Aus der Analyse eines Seminars mit umfangreichem Feedback auf Schreibaufgaben schließen sie, "dass die Dozentin durch ihre Kommentarhandlungen erkennbar Schritte einer fachlichen Sozialisation – im Sinne einer zunehmenden Befähigung, fachliche Gepflogenheiten, Denkweisen und Inhalte zu verstehen und anzuwenden – anstößt." (Freise 2021:248) Dies dürfte zumindest teilweise auch für die Arbeit im Projekt *Konzertdramaturgie* zutreffen. Fachliche Gepflogenheiten mögen im Schreiben für eine nicht-fachliche Öffentlichkeit in geringerem Maß eingeübt werden. Sehr wohl aber trainieren die Teilnehmenden, Musik gedanklich zu durchdringen und zu kontextualisieren. Auch wenn die individuelle und kollaborative Arbeit am Text im Vordergrund stehen, sind die übrigen Elemente unverzichtbar. Die in den Seminarsitzungen behandelten Themen unterstützen die Studierenden in Fragen der Textplanung und der Adressatenorientierung, Sprache und Stilistik werden hier auf einer allgemeineren Ebene diskutiert. Gastreferate stellen einen Kontext der Textarbeit zur Berufspraxis her. Seit Bestehen des Projekts hat sich die Arbeit mehr und mehr in die digitale Sphäre verlagert. Das vernetzte, asynchrone Arbeiten, das durch Online-Tools ermöglicht wird, kommt dabei den Prozessen der Textplanung und -produktion entgegen. Um andererseits der Gefahr der Vereinzelung entgegenzuwirken, sind gemeinsame Termine hilfreich. Auch ein gemeinsamer Chatraum für die niedrigschwellige, informelle Kommunikation kann zur Gruppenbildung beitragen. Im Projekt *Konzertdramaturgie* wird zu diesem Zweck die Plattform *Matrix* genutzt, hat sich aber noch nicht als verbindliches und allgemein genutztes Kommunikationsmedium etabliert. Die Tatsache, dass die Mitarbeit im Projekt nicht kurrikular ist, hat zur Folge, dass um Studierende geworben werden muss. Das Projekt ist zwar im Vorlesungsverzeichnis ausgeschrieben, aber dennoch sind zusätzliche Bemühungen notwendig. Es ist immer wieder herauszustellen, in welcher Weise die Teilnahme Gewinn verspricht. Im Vordergrund aus Sicht der Studierenden stehen hier das intensiv begleitete Schreibtraining, die Möglichkeit zu publizieren, der Kontakt zu Akteuren des Musiklebens und die finanzielle Honorierung. Die Motivationslage ist dabei individuell unterschiedlich. Gerade die finanzielle Honorierung scheint ein nicht unwesentlicher Anreiz zu sein, auch wenn das Honorar von zurzeit 60 Euro pro Text im Verhältnis zu vielen Stunden Arbeitsaufwand gering ist. Entscheidend für die Beteiligung ist auch Unterstützung durch die Kolleg:innen im Institut, die über administrative Vorgänge hinausgeht. Hinweise auf das Projekt in Seminaren und persönliches Ansprechen von Studierenden sind wesentliche Elemente, um die Beteiligung zu sichern. Für die Projektleitung bringt die intensive Textbetreuung beträchtlichen Aufwand mit sich. Einen Text in der zweiten Überarbeitungsphase zu kommentieren und zu begleiten beansprucht in der Regel etwa drei Stunden Arbeitszeit. Zusätzlicher Aufwand entsteht mit der Online-Veröffentlichung auf dem Blog: Der Projektleitung obliegt aktuell die Aufarbeitung der Texte für das CMS sowie die Pflege und Wartung des Webauftritts. Zwar ist die Einbindung der Texte ins CMS dadurch vorbereitet, dass die Arbeitsversionen meist im Markdown-Format geschrieben und bearbeitet werden, auf dem auch das verwendete CMS basiert. Dennoch sind meist zahlreiche Anpassungen notwendig, um das Erscheinungsbild auf der Website und die Typografie zu vereinheitlichen, Metadaten zu ergänzen oder Bilder und Videos in Größe und Platzierung anzupassen. Hinzu kommt die Vernetzung des Blogs in Sozialen Medien. Um den Aufwand für die Projektleitung zu begrenzen, wird die Textbetreuung teilweise an eine studentische Mitarbeiterin delegiert. Eine Arbeitsteilung bei der Verwaltung der Website ist ebenfalls denkbar, wird aber im Frankfurter Projekt zurzeit nicht praktiziert. ## Ausblick Im Projekt *Konzertdramaturgie* findet die Schreibarbeit in einem abgegrenzten Rahmen statt, was die Textsorte und die Arbeitsweise betrifft. Studierende verfassen Texte einer bestimmten Art – Musik-Einführungstexte in den Ausprägungen Programmhefttext und Blogbeitrag –, geschlossene Texte mittlerer Länge. Diese Abgrenzung scheint durchaus gerechtfertigt zu sein, da das Schreiben für eine nicht-fachliche Öffentlichkeit in vielen musikwissenschaftlichen Berufen eine unabdingbare Kompetenz ist. Dennoch stellt sich die Frage nach Perspektiven für eine mögliche Weiterentwicklung und Ausweitung des Angebots. Die Frage stellt sich auch deshalb, weil die Kulturform des Konzerts und mit ihr das Berufsbild der Konzertdramaturgie sich weiterentwickeln. Veranstalter entwickeln neue Formen und Formaten des Konzerts, und mit ihnen entstehen neue Formen der Musikvermittlung. Sie übernehmen zum Teil Funktionen des traditionellen Programmhefttextes. Zu ihnen gehören mündliche Einführungen, Interviews mit Künstlern oder die Begleitung von Konzerten auf Social Media. Mündliche Kommunikations- und Vermittlungsformen sowie neue Textsorten, etwa Posts in sozialen Netzwerken oder Newsletter, gewinnen an Relevanz. Die Kultur der Digitalität verändert auch tradierte Vermittlungsformen, etwa durch "die Tendenz, schriftliche Sprache durch andere Formen der Kommunikation zu ersetzen." (Wampfler 2021: 125) Gerade Schreibdidaktik, die Anspruch auf berufliche Relevanz erhebt, muss sich diesen Entwicklungen öffnen. Eine Ausweitung des Projekts ist auch hinsichtlich seiner Internetpräsenz denkbar. Um das Potenzial von Onlinepublikationen zu nutzen, sind Maßnahmen etwa der Suchmaschinenoptimierung, der Vernetzung mit anderen Plattformen oder der Diskurs in sozialen Netzwerken unentbehrlich. Die Steuerung der Sichtbarkeit wiederum ist eng verknüpft mit dem Publizieren im Netz und wäre insofern auch ein Aspekt der Schreibdidaktik. Derzeit stehen für eine solche Expansion des Projekts nicht die erforderlichen Ressourcen zur Verfügung. ## Übertragbarkeit auf andere Fächer Welche Erkenntnisse aus der Projektarbeit lassen sich nun übertragen auf andere Fächer, welche Erfahrungen sind hilfreich über die konkrete Textsorte "Programmhefttext" und über das Fach Musikwissenschaft hinaus? Ein publikationsorientiertes Schreibangebot braucht, wenn es nicht kurrikular ist, die Verankerung in die Strukturen der universitären Lehre und die Unterstützung durch andere Lehrende. Wenn Leistungen nicht für das Studium angerechnet werden, sind alternative Anreize erforderlich. Im hier vorgestellte Projekt ist dies unter anderem eine finanzielle Honorierung der Autor:innen. Die intensive Begleitung beim Verfassen von Texten wird von den Studierenden besonders geschätzt. Dabei hat sich die Kombination aus Feedback durch Peers und die Lehrperson bewährt, ergänzt durch begleitende Seminarsitzungen. Besonders die Arbeit an den Texten lässt sich gut durch asynchrone, kollaborative Methoden realisieren. Textfeedback mittels Video ist ein sinnvoller Baustein. Schließlich ist gerade die Aussicht, eigene Texte zu publizieren, für die Studierenden ein wesentlicher Motivationsfaktor. ## Literatur Verweis: https://www.j-stolla.de/blog/2020-08-26_werktextblog Stolla 2021 Stolla, Jochen (2021): Feedback auf Texte geben per Video, Youtube, https://youtu.be/XjGXiySbAjk (abgerufen am 08.10.2021) Wampfler 2020 Wampfler, Philippe (2020): Videofeedback für die Aufsatzkorrektur, in: Schule Social Media (Blog), https://schulesocialmedia.com/2020/03/05/videofeedback-fuer-die-aufsatzkorrektur/ (abgerufen am 08.10.2021) Tewinkel 2016 <!-- Schlüter 1974 --> <!-- Schlüter, Hermann (1974): Grundkurs der Rhetorik, München 1974 (13. Aufl. 1994) --> Stalder 2016 Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität Freise 2021 Matzen 2014 Fischinger 2018 bennett18 stolla18 Stolla, Jochen (2018): Schreiben über Musik. Ein E-Learning-Programm zur fachspezifischen Schreibdidaktik, in: Journal der Schreibberatung, Ausgabe 15/2018, S. 101-111 Lampert 2017 @book{lampert17, title={Storytelling f{\"u}r Journalisten: Wie baue ich eine gute Geschichte?}, author={Lampert, Marie and Wespe, Rolf}, isbn={9783744509930}, series={Praktischer Journalismus}, url={https://books.google.de/books?id=CqVADwAAQBAJ}, year={2017}, publisher={Herbert von Halem Verlag}, address={Köln}, library={hr, Li 1317/89}, timestamp={2018-01-19} }