# YOUR KINDLE NOTES FOR: Poetisch denken: Die Lyrik der Gegenwart (German Edition) Christian Metz Last accessed on Friday August 18, 2023 45 Highlight(s) | 0 Note(s) Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 43 Options Kein anderer Poet hat in den vergangenen Jahren so viel Aufsehen erregt wie das selbsternannte »Unoriginal Genius«. Goldsmith befand in der Mitte der neunziger Jahre mit dem Blick auf die sprachexperimentelle Lyrik seiner direkten Vorgänger einerseits und im Anblick der digitalen Revolution andererseits, dass es mit der Lyrik nicht mehr so weitergehen könne wie bisher. Die sprachkritische Schreibweise der Avantgarde habe die Sprache in immer kleinere Bruchstücke zerlegt und sich damit selbst verbraucht. Yellow highlight | Page: 43 Options Die digitale Revolution hingegen habe die Vorstellung von Autorschaft grundlegend verändert. Der durch die Digitalisierung eingetretene Wandel habe aus der Sicht der Lyrik weniger darin bestanden, für den Bildschirm oder den Touchscreen zu produzieren. Vielmehr habe sich das Bewusstsein neu geformt, jetzt in einem Feld von Hyperinformationen zu schreiben, in dem potentiell – in Blogs, per Twitter oder Facebook – jeder als Autor*in auftritt. Yellow highlight | Page: 43 Options Das World Wide Web vermittelte für Goldsmith die Vorstellung eines bis unter die Decke angefüllten Archivs, einer Welt, in der alles schon da und gesagt war. Die dringliche Aufgabe von (kreativen) Autor*innen konnte daher nicht darin bestehen, dem noch etwas hinzuzufügen. Was sollte das auch sein, wenn sich das vermeintlich Neue in Sekundenschnelle per Suchmaschine als das längst schon Gedachte und Vorhandene herausstellen musste. (Paradoxerweise könnte man sagen: Goldsmith war klar, dass es etwas Neues brauchte, also brachte er etwas schon Dagewesenes hervor.) Seit dieser Einsicht sprengte Goldsmith – ein Meister der Provokation – den Rahmen lyrischer Tradition, indem er eine ausgewählte Avantgardetechnik gnadenlos auf die Spitze trieb – die Aneignung fremden Materials. Diese Schreibweise hat im digitalen Zeitalter, in dem fremde Texte immer nur einen Mausklick vom eigenen Text entfernt liegen, höchste Relevanz. Kopieren und Zitieren betrachtete Goldsmith als die maßgeblichen Kulturtechniken unserer Zeit. Goldsmith zog aus dieser Diagnose eine radikale Konsequenz: Seine bis heute berühmteste Arbeit Day besteht aus einer komplett abgetippten Kopie der Times vom 1. September 2000. Das Buch umfasst 836 Seiten. Kein einziges Wort hat Goldsmith ausgelassen, keines zur Vorlage hinzugefügt. Goldsmith nannte sein Verfahren… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 44 Options Auf der Seite der Autorschaft besteht die künstlerische Tätigkeit in erster Linie aus einem Denkakt. Uncreative writing funktioniert nur mit einem exakten Konzept, welche Informationen und Materialien ausgewählt und ausgeschnitten werden. Der nachgeordnete Schreibakt selbst hingegen gleicht einem Exerzitium des geduldigen, mechanischen, disziplinierten Abschreibens. Er erinnert an die Arbeit der klösterlichen Kopisten aus dem Mittelalter. Auch auf der Seite der Rezeption liegt der Akzent deutlich auf dem Denkakt. Das Kunstwerk ist mit einem… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 45 Options Für Goldsmiths Poesie reicht aus, dass man weiß, woher die kopierte Information stammt und was mit ihr passiert, wenn sie in einen neuen Rahmen gestellt wird. »Kontext ist der neue Content«, lautet einer jener knalligen Goldsmith-Sätze, mit denen er seine Neurahmungen beschreibt. Vom »re-writing« und von »moving information« spricht Marjorie Perloff und hat damit sowohl die Ortswechsel der Informationen im Blick, die Goldsmiths Arbeiten forcieren, als auch die bewegende Wirkung, welche die Informationen im neuen… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 45 Options Goldsmiths Konzeptpoesie wirft zum Beispiel zahlreiche brisante Fragen des digitalen Zeitalters auf: Wie steht es um Autorschaft, Genie und Dilettantismus? Wie um Eigentum, Kopie, Plagiat und Urheberrecht? Welcher Umgang mit der angewachsenen Informationsflut ist angemessen, wie funktioniert der Umgang mit dem Archiv, das wir in der Hosen- oder Handtasche mit uns herumtragen? Auf welchen Kriterien basiert die Auswahl… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 45 Options Darf man alles, wenn man nur den passenden Metatext liefert? Die Poesie avanciert zum Brennpunkt und zum Ausgangsort eines kulturkritischen Denkens. Fundiert und befeuert wird die Auseinandersetzung durch die unverzichtbaren Kommentare des Künstlers. Ohne diese theoretisch versierten Texte und Aussagen, ohne die öffentliche Selbstinszenierung der Autor*innen funktioniert das »uncreative writing« nicht. Diese Texte sind damit… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 45 Options Bei dieser Poesie, die sich dem Poetischen gezielt verweigert, ist es wichtig zu sehen, dass Goldsmith seine Poesie seit einigen Jahren von einem ganz bestimmten Ort aus betreibt, nämlich von einer Professur an einer Ivy-League-Universität aus. Goldsmith unterrichtet »uncreative writing« an der University of Philadelphia, befindet sich also nicht in einer unbestimmt bleibenden gesellschaftlichen Randposition wie so viele deutschsprachige Lyriker*innen. Danach gefragt, wie er den Umgang seines potentiellen Publikums mit seinen Arbeiten einschätzt, antwortete er: »I don’t have a readership, I have a thinkership.« Statt der Struktur zählt die pragmatische Dimension des Textes, seine direkte Wirkung. Goldsmiths Denken soll anstecken. In der Tradition von Marcel… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 46 Options In den ersten fünfzehn Jahren des deutschsprachigen Lyrikbooms ging niemand so weit wie der US-Amerikaner. Keiner schrieb komplette Texte aus einer einzigen Quelle ab. Erst im Herbst 2014 starteten Hannes Bajohr und Gregor Weichbrodt als zwei deutschsprachige Radikalverfechter des »uncreative writings« ihre Webseite 0x0a, auf der sie ihre Texte der »conceptual art« veröffentlichen. Bei den Autor*innen, die den Lyrikboom auslösten und im kookbooks-Verlag ihren Leitstern fanden, hat Goldsmith keine direkten Nachahmer gefunden. Dennoch gibt es eine Reihe gemeinsamer Ausgangspunkte für die Konzeption von Lyrik. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist: Die deutschsprachigen Autor*innen übernahmen die Analyse im Hinblick auf die Digitalisierung, deren Kultur die Bedingungen des Schreibens, des Lesens und des Status von Texten grundlegend verändert hat und bis heute verändert. Allerdings adaptierten sie Goldsmiths Analyse des Digitalen nicht blind: Es stimmt, das digital abrufbare Archiv des Wissens ist prall gefüllt, und man kann das dort… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 46 Options Zumal dadurch, dass während des eigenen Schreibens das Smartphone neben einem liegt. Also schreibt man sich – im Sinne des re-writings – offensiv durch das Archivmaterial. Die Lyriker*innen – so viel erneut zum Schaffen einer eigenen Position, von der aus sich sprechen lässt – »[hausen] in den Schriften anderer« (Jackson, Im Innern, 136), bezeichnen ihre Gedichte als »Kopierwerke« (Jackson, Im Licht, 55) oder erstellen im re-writing des re-writings ein »Pastiche des Pastiches« (Jackson, Im Innern, 106). Die Gegenwartslyriker*innen stimmten ebenfalls mit Goldsmiths konzeptueller Überlagerung von »moving information« und »Denken« überein. Sie sind Teil der »Moving-Bewegung«, die auf der produktionsästhetischen Seite die Auswahl, das Ausschneiden und den Transfer von Wissenselementen umfasst, um auf der rezeptionsästhetischen Seite an die rhetorische Tradition des »movere« (den Zuhörer mit der Rede bewegen) und an die Wirkungsästhetik des 18. Jahrhunderts anzuschließen. Sie zielen damit, das poetische Denken (ihrer Leser*innen) bewegen zu wollen, exakt auf die Zwischenstufe zwischen den abstrakten Denkformen von Goldsmith oder der konkreten Poesie und der emotionalen, sinnlichen Bewegung ab, auf die man es in der Empfindsamkeit und im Sturm und Drang anlegte, als die Erlebnislyrik entstand. Heute muss man zugeben, dass das Gedicht sicherlich nicht mehr der Gefühlsbeweger Nummer 1 ist. Schon mal bei der Lektüre eines aktuellen Gedichts geweint? Es ist also eine realistische Selbsteinschätzung, wenn die Wirkung der Lyrik zuerst auf das Denken ausgerichtet ist und erst von dort aus eine emotionale Bewegung erzeugen will. Auf die Irritation und Erschütterung des Denkens kommt es an, um Raum für potentiell neue Gedanken zu eröffnen. Statt auf »Empfindsamkeit« bauen die Lyriker*innen also eher auf die… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 47 Options Richtet man hingegen den Blick auf die konkrete Poesie, die ihrerseits – am eindrücklichsten bei Max Bense: »Ich dichte, also denke ich« – programmatisch auf der Informationstheorie aufbaute und sich ausschließlich auf die Signalübertragung zwischen Sender und Empfänger fokussierte, dann ließe sich aus dem »poetischen Denken« (siehe Adornos »Anschauung«) eine Rückkehr des Sinnlichen folgern. Wenn man diese Ausrichtung nach den Regeln der Rhetorik auf eine Affektlage übertragen würde, würde es sich um die Affektstufe »ethos« handeln, mit Übergewicht zum Rationalen, ohne Ausschluss des Sinnlichen. Bewegt werden kann ausdrücklich jede Art von Information, deshalb ist eine Festlegung der Gegenwartslyrik auf bestimmte Themen wenig zielführend. In diesem Sinne steht das Archiv des Wissens offen. Das umfasst alle Formen von Fachsprachen – so der Titel und das Programm von Ulf Stolterfohts Gedichten – bis hin zur abgelegensten Disziplin und zu fernklingenden Namen noch so verstaubter Handwörterbücher. Das betrifft aber auch jede Art von Fremdsprache. Die auffällige Multilingualität der Gegenwartslyrik, wie sie am prominentesten Uljana Wolf und Yoko Tawada vertreten, hängt nicht nur mit den internationalen Biographien vieler Autor*innen zusammen. Sicher haben Migration, Weltreisen, Auslandsaufenthalte oder auch nur das Surfen im Internet die Fremdsprachen näher an die… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 48 Options Vor allem aber ist sie bestimmender Teil der Lyrik, weil die bewegende Information aus allen nur denkbaren Bereichen und Sprachsphären stammen kann und weil sich die poetische Energie gerade aus dem Transfer fremder Informationsträger speist. Noch auffälliger als das Auftreten von Fachsprachen und der Vielsprachigkeit ist in der Gegenwartslyrik, wie intensiv sie sich an abstrakten Vorstellungs- und Ordnungsmustern bedient. Die Lyriker*innen übernehmen in ihrem Konzeptrealismus jene Strukturen, die das Wissen zu bestimmten Zeiten organisiert haben oder noch heute formen. Das kann das Zusammenspiel von Bild und Text nach dem Vorbild von Brehms Tierleben sein. Aber auch das Überschreiben einer politischen Verfassung, eines Programms oder jener Fragebogen, welcher die Einwanderer in die USA nach Kategorien einteilt, oder schlicht die alphabetische Ordnung, an deren Struktur wir uns gewöhnt haben, deren Struktur aber alles andere als begründet ist – bis auf das Argument vielleicht, dass sich bei »ABC, die Katze liegt im Schnee« sonst kein Reim ergeben würde. Der Rückgriff auf diese Ordnungsstrukturen ist Teil des neuen Realismus, den die neuen Lyriker*innen einführen: Sie bilden nicht mehr die Wirklichkeit ab, sondern jene Formate, die unsere Wirklichkeit… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 49 Options Der Vorwurf, den Czernin gegenüber Grünbeins Lyrik erhebt, sich sorglos einfach irgendwo im Archiv zu bedienen, erhält als Negativfolie durch die Digitalisierung neues Gewicht. Von dieser Form unpräziser Archivarbeit will die Gegenwartslyrik sich klar absetzen. Im Zusammenhang mit dem verstärkt geforderten Archivbewusstsein erscheint auch der zuvor angesprochene Umgang mit den literarischen Vorgängern in einem neuen Licht. Die Dringlichkeit, sich im einzelnen Gedicht offen sichtbar gegenüber dem Pop, der lyrischen Avantgarde und der Tradition von Erlebnislyrik positionieren zu wollen, ist als eine direkte Reaktion auf die Digitalisierung und das mit ihr einhergehende veränderte Archivbewusstsein zu verstehen. Ist das Vergangene stets mit einem Klick zu erreichen, dann muss man sich in jedem Einzelfall dazu verhalten. Dann lassen sich die Vorgänger auch nicht mehr einfach so über Bord werfen, wie es vorherige Avantgardebewegungen mit… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits . Yellow highlight | Page: 49 Options Obwohl die deutschsprachige Lyrik im Blick auf das Konglomerat aus »Digitalität – moving information – Denken« vergleichbare Lösungen wie Goldsmith fand, setzte sie sich in vier wichtigen Aspekten vom Konzept des US-Amerikaners ab: Während Goldsmith provokativ behauptete, bei seinen Büchern käme es nicht mehr auf die Lektüre an, wollte keine der Gegenwartslyriker*innen das Buch nur als Artefakt verstanden wissen, das ohne jede Lektüre auskommen würde. Ihr Arbeiten setzte daher auch auf einer anderen Textebene an als die von Goldsmith: beim einzelnen Gedicht… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 50 Options Bei ihrer so akribischen, detaillierten und feinsinnigen Verskonstruktion folgten sie – zweitens – einem dreiteiligen Arbeitsmodell. Bei Goldsmith besteht alle Arbeit am Text zu hundert Prozent in Arbeit am Archivbestand. In der deutschsprachigen Gegenwartslyrik überlagert sich der Umgang mit Archivmaterial aber zugleich (und über Goldsmiths Konzept hinaus) mit den Inszenierungen von Ereignissen und Erlebnissen. Wobei die Gedichtverse ein besonderes Sensorium haben, das sich von dem anderer Medien unterscheidet. Hendrik Jackson macht das für die Gegenwartslyriker*… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 50 Options »Und wenn das Foto das Archiv der Netzhaut ist, so ist die Sprache das der Stimmungen, Atmosphären und bildet soziologische, private, geschichtliche oder traumatische Ablagerungen.« (Jackson, Im Innern, 24) Das Gedicht bedient sich im Archiv des Wissens, und es wird seinerseits zum Archiv von Ablagerungen aus… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 50 Options Daher kam als dritte grundlegende Arbeitsweise der Gegenwartslyrik die poetische Laborarbeit hinzu. Dort und nicht etwa im Garten, am Meer, im Wald oder auf der Wiese findet die Versarbeit statt. Der kookbooks-Verlag firmierte die ersten zehn Jahre… . Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 50 Options Das Aufbereiten des Materials im Labor hebt den technischen Aspekt hervor, mit dem die aus dem Archiv (Speicher) entnommene Information neu verarbeitet und verfestigt wird. (»Prozessieren« würde Friedrich Kittler diese Medienleistung nennen.) Innerhalb der Lyriktradition schließen die Gegenwartslyriker*innen mit ihrer Rede vom Labor vor allem an Gottfried Benn und die konkrete Poesie an, die ihre Sprachexperimente selbst im Sprachlabor angesiedelt hatten. Darüber hinaus greift die Gegenwartslyrik aber mit ihrer Engführung von Archiv und Labor… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 51 Options Der Politikwissenschaftler und Ideenhistoriker Herfried Münkler beispielsweise präsentiert seinen Lehrstuhl wie die Lyriker*innen ihre Gedichte, nämlich als »Archiv und Laboratorium«, in seinem Fall »politischer Probleme«. In seiner Forschungsarbeit, so betont er weiter, werde die »interdisziplinär inspirierte Ideengeschichte als ein Archiv politischer Problemstellungen betrachtet und gepflegt, um so dessen Bestände im Laboratorium der Politischen Theorie mit Blick auf aktuelle Problemlagen beleuchten, arrangieren und, wo nötig, auch mit neuen Ingredienzien anreichern zu können«. (Münkler, Forschungsprofil) Man… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 51 Options Die neue Lyrik positioniert sich im – von Deleuze und Latour vorbestellten – Interaktionsraum mit der Philosophie und Wissenschaft. An deren Form, zu denken und Fragen aufzuwerfen, will sie auf ihre Weise teilhaben. Sie übernimmt mit dem Denkgebäude auch die Vorstellung einer Arbeitsform zwischen… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. . Yellow highlight | Page: 52 Options Behauptungen besteht ein entscheidendes Grundmodell des poetischen Denkens. Um die Charakteristika dieses Denkens aufzuzeigen, hat Steffen Popp eine Art Ursprungsszene des poetischen Denkens entworfen. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Peter-Huchel-Preises berichtete der kookbooks-Autor, wie er am letzten Tag seines Philosophiestudiums noch einmal im Büro seines Professors sitzt. Der Schreibtisch zwischen ihnen markiert den wichtigsten Einrichtungsgegenstand im Ideenlabor des Philosophen. Nach einer Weile des Schweigens fragt der Professor Popp, was dieser denn denke, ja, ob er überhaupt denke. Yellow highlight | Page: 52 Options Popp weiß, dass sein Professor ihn als Lyriker kennt. Und er nimmt die Frage ernst, viel ernster, als sie von dem Professor wohl gemeint war. Also folgert er: »Denke ich, denkt man, Gedichte schreibend, ›überhaupt‹, und wenn ja, was macht dieses Denken aus?« (HPR 1) Die erste Frage ist schnell beantwortet: Ja, Popp denkt nach eigener Aussage beim Dichten, wozu sollte er sonst auch vom »poetischen denken« sprechen. Aber zugleich setzt Popp doch einen klaren Akzent, da seine Frage nach dem Denken einen Satz des Dichters Ferdinand Schmatz variiert, der sich in einem Essay 1994 in der Zeitschrift Schreibheft fragte: »Dichte ich in Worten, wenn ich denke?« Schmatz hat diesen Satz an anderer Stelle ausgefächert zu: Gibt es das Denken, das wir sind, weil wir ein Wort von ihm haben, oder haben wir ein Wort vom Denken, weil wir es sind? Was sind? Das Wort? Das Denken? Ist das Denken eine Maschine oder die Sprache oder wir, indem wir beides steuern oder durch beides gesteuert werden? Vereinfacht: Gibt es Individualität, abhängig oder unabhängig von diesen ›Instanzen‹ – und kann es noch Aufgabe der Dichtung sein, die Frage zu beantworten? Also: Dichte ich über ›mein‹ Denken, wenn ich in Worten dichte? Verstehe ich ›ihr‹ Denken, wenn ich in ›meinen‹ Worten dichte? Denke ich überhaupt in Worten, wenn ich dichte? (Vgl. hierzu die zweibändige Studie von Sebastian Kiefer, die von diesem Satz ihren Ausgang nimmt: Kiefer, Dichte ich in Worten, 5.) Yellow highlight | Page: 53 Options Der Poet hingegen hat die Philosophie zwar wohl studiert, verlässt die Universität aber (Abschlussprüfung), um sich außerhalb der Institution seiner Doktorarbeit (zum Thema: »poetisch denken«) einerseits, der eigenen Lyrik andererseits zu widmen. Während Goldsmith einen Platz (und ein Auskommen) an einer Eliteuniversität findet, sind solche beruflichen Möglichkeiten, aber auch solch eine Sprecherposition in Deutschland für Poet*innen nicht vorgesehen. Die poetische Philosophie oder philosophische Poesie verläuft gesondert von der universitären Rahmung. Yellow highlight | Page: 53 Options Der Lyriker weigert sich ja gerade, das eine zu tun und das andere zu lassen und die Trennung von Philosophie und Poesie zu akzeptieren. Popp schließt somit an die Frühromantik an. Von Novalis stammt der Satz: »Die Trennung von Poët und Denker ist nur scheinbar – und zum Nachtheil beyder« (Novalis, Schriften III, 406). Novalis legt auch fest: »Die vollendete Form der Wissenschaften muß poëtisch seyn.« (Novalis, Schriften II, 527) Das könnte die Überschrift für Popps Studierzimmerszene sein. Tatsächlich changieren die Gegenwartslyriker*innen zwischen lyrischen und theoretischen Texten, ihre Denkweisen tragen sie im ständigen Wechselspiel in beiden Redeformen aus. Für Popp ist das »poetische Denken« ein produktives Denken, weil es etwas hervorbringt. Yellow highlight | Page: 54 Options Kontaktaufnahme mit etwas, das begrifflich nicht schon bestimmt, auf der Ebene von Aussagen nicht schon ins Sprechen eingemeindet ist. Um eine solche Kommunikation, einen solchen Kontakt geht es auch, wenn man an Gedichten arbeitet – etwas soll ins Sprechen geholt werden, genauer, das Sprechen selbst soll etwas holen, etwas hervortreiben: etwas, das ihm nicht schon gehört und das es am Ende der Aktivität, die das Gedicht ihm zu entfalten erlaubt, wieder aus sich entlassen muss. Das Gedicht aber bleibt erhalten… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 54 Options Die Frage des Professors, ob er überhaupt denke, wendet Popp, indem er behauptet, er denke »über Haupt«. Das poetische Denken übersteigt »die Bühne des üblichen Denkens oder steigt zu ihr herab… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 54 Options So eine Vorstellung von Elevation über einen selbst korrespondiert mit dem Entwurf der frühromantischen »progressiven Universalpoesie«. Novalis wollte die Trennung zwischen Poet und Denker aufheben, um so die »Erhebung des Menschen über sich selbst« zu ermöglichen (Novalis, Schriften II, 535). Popps Vorstellung ist schon deshalb charmant, weil er nicht nur die Höhensehnsucht der Romantiker aufnimmt, sondern auch das damit stets verbundene Absturzrisiko (den Ikarus-Effekt) als ein poetisches Prinzip in seine Theorie einbindet. Auch der Fall auf die Normalsprache kann Poesie sein. Der Lyriker zeigt sich als hin- und hergerissen, »im Double-Bind von Optimismus und Skepsis in Bezug auf die Existenz und die Möglichkeiten poetischen Denkens«, bezeichnet diese Ambivalenz als »Antrieb und Hemmschuh zugleich«. Auf dieses Potential zum Scheitern kommt es an. Immer wieder legen es die Lyriker*innen – neben Popp… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 55 Options Die Figur des Sprachspiels als schwebender Grund über dem Abgrund kennt auch die poststrukturalistische Theorie. Sie bezeichnet sie – wie etwa David Wellbery im Anschluss an Nietzsches Beginn des Zarathustra – als »Seiltänzer des Paradoxalen« (Wellbery, Seiltänzer, 7ff.). Das Seil, das keine Aufhängung hat, schwebt selbst über dem Nichts. Der vermeintlich sichere Grund vollführt seinerseits einen gewagten Seiltanz. Der Poststrukturalismus hat eine Vorliebe für solche grundständigen Virtuositäten wie einen Seiltanz auf einem Seil, gespannt im und über dem Nichts. Yellow highlight | Page: 57 Options Sie ist unter den schlechten immer noch das beste Mittel (PAL). So weit so wittgensteinisch und poststrukturalistisch routiniert verläuft die Arbeit im »Labor für Poesie als Lebensform«. Dennoch – und gerade deshalb – sieht Popp das poetische Denken als Erkenntnismedium an. Für ihn ist das Archiv des Wissens aber – im Unterschied zu Goldsmiths Auffassung – nicht komplett gefüllt. Den Eindruck, dem angesammelten Wissen nichts mehr hinzufügen zu können, weist Popp bei seiner Konzeption des poetischen Denkens deutlich zurück. Für ihn ist das Wissensarchiv eben nur einerseits überfüllt. Andererseits ist es aber noch so gut wie leer: Sprache ist für mich in erster Linie ein Set von Werkzeugen, das man beherrschen sollte – um etwas damit anzufangen. Nun, und was? Das winzige Segment der Welt, das wir für uns erschlossen und kulturell verdaut haben, lädt zu Erweiterungen ein; das Unternehmen Poesie liegt hier nahe als eines der Weltaneignung, eine phänomenologische Entdeckerfahrt. Es braucht nicht eben besondere Einsicht zu der Behauptung, das [sic] 99 % der uns betreffenden Phänomene bislang nicht oder nur unbefriedigend sprachlich gefasst sind, zumeist lediglich sensormotorisch vorjustiert, sowohl ästhetisch als auch diskursiv unerschlossen herumliegen. (PAL) Yellow highlight | Page: 58 Options Poetisch denken heißt, mit schlechtem Werkzeug ein kleines Stück zu erhaschen, es aus den Händen zu verlieren, erneut zu ergreifen, wieder zu denken zu versuchen und erneut abzustürzen. Und doch kann sich die Lyrik von dieser Aufgabe und ihrer Faszination daran nicht lösen. Die Poesie hat für Popp – präzise, riskant und vorläufig zugleich – die Funktion einer Sondierung von Phänomenlagen auf ihre Relevanz und mögliche Erforschung hin – nicht mehr rein privat, autodidaktisch, sondern zu einem maßgeblichen Teil im Austausch und Bündnis mit anderen, es müssen ja nicht nur Dichtungsschaffende sein. Also eher die Struktur erweitern und verfeinern, als sie zu verlassen; sie auf ihren Werkzeugcharakter, ihre dienende Funktion zurückführen, das Schreiben von Gedichten als eine Kunst des Entwerfens in den Blick bekommen. (PAL) Yellow highlight | Page: 60 Options Die Gegenwartslyrik will nicht nur ein Thinkership, das von Lektüre nichts mehr hält. Sie will lesende Denker*innen, lyriklesende Denker*innen, ein reading Thinkership. Darin besteht ja der Reiz: die traditionsreiche ehemalige Königsdisziplin, die absolut out of fashion scheint, mit der Gegenwart (und ihren rasanten Veränderungen) kollidieren zu lassen. Auf dass es funkt. Yellow highlight | Page: 60 Options Aber für die neue Lyrik macht es einen erheblichen Unterschied, wenn jetzt während der Lektüre das Smartphone auf dem Tisch liegt. Um nur eine elementare Veränderung herauszugreifen: Aus der Sicht des Rezipienten – darauf hat schon Moritz Baßler beim Blick auf Postpopromane hingewiesen – haben Informationen an Exklusivität und damit an symbolischem Wert verloren, seit sie per Suchmaschine sofort auffindbar sind. Konnte man früher mit der Frage »was ist aus Lee Hazlewood eigentlich geworden?« (Neumeister, Gut laut) noch Distinktion gewinnen, eine eingeschworene Insidergemeinschaft mit dem Leser gründen (oder ihn auf eine Strafrunde in den Plattenladen schicken), lässt sich die Antwort heute mit Hilfe von zwei Klicks erledigen. (Es geht nur um die Kommunikation mit den Leser*innen, innerhalb der fiktiven Welt gehört Distinktion weiterhin zum Geschäft.) Distinktion, (möglichst sophisticated im Feld der Unterschiede vorgehen), war der Motor der Popliteratur. Yellow highlight | Page: 61 Options Nach Steffen Popp bedeutet Gedichte lesen, »den Gang ins sprachlich – und das heißt ja, gedanklich – Unbefestigte lesend [zu] wiederholen« (HPR 1). Die Gedichte eröffnen ihren Leser*innen die »Möglichkeit, an Expeditionen in Unbegriffliches, Unbegriffenes teilzunehmen und Wort für Wort, Zeile für Zeile dabei zuzusehen, auf welche Weise und mit welchen Mitteln sie vorankommen, etwas erreichen oder auch scheitern«. Diese Aussagen bilden die logisch erwartbare Kehrseite der zuvor entworfenen Produktionsästhetik. Durch die Praxis des poetischen Denkens entsteht ein Text, der seine Leser*innen in gedankliche Bewegung setzt und einen »Gang«, so wörtlich, oder eine »Expedition« durch die vom Autor entworfene Denklandschaft ermöglicht. Die Bewegung führt, nein, nicht ins »Herz der Finsternis«, sondern zu den Unbestimmtheitsstellen und… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 61 Options Die hier skizzierte Leserrolle ist ein Teil eines größeren, umfassenderen Modellwechsels. In der Nachfolge der Konkreten Poesie war die Informations- und Kommunikationstheorie maßgeblich für das Nachdenken über die Position der Leser*innen: Aufgespannt im Dreieck von Sender, Informationsträger (Gedicht) und Empfänger, ging es darum, welche selektierten Informationseinheiten über einen Kanal übertragen werden, um dann am Zielort jenseits des Hermeneutischen ausgewählt zu werden. Oder es ging darum, durch welche Bedingungen oder Einflüsse diese Übertragung irritiert… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 62 Options Aus dieser Neuausrichtung erklärt sich, in welcher Weise die Lyriker*innen darüber nachdenken, wie sich das poetische Denken exakt auf die Leser*in überträgt. Wie funktioniert das, wenn »moving information« das Denken der Leser*innen in Bewegung versetzen? Im Anfangskapitel ihrer gemeinsamen Poetik Helm aus Phlox, das eine »Grammatik des Denkens« entfaltet, macht Falb einen interessanten Vorschlag. Er ruft anhand eines Stadionbaus eine Dimension des Denkens auf, die häufig unbeachtet bleibt, das Prozessieren: Nehmen wir ein Stadion. Es ist geplant worden. […] Diejenigen, die es bauten, bewegten und orientierten sich in einem in Modellen verkörperten Denken […]. D.h., das Denken ging unmittelbar über in lebendige Arbeit. Und diejenigen, die sich nun im fertigen Objekt bewegen, bewegen sich in einem Denken aus Stahl und Beton. D.h., das Denken geht unmittelbar über in Massen von… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 62 Options Prozessieren aber heißt: Nach dem Übertragen und dem Speichern der Daten in eine feste Form bleibt nicht alles starr und versteinert, sondern – Vorbild Computer – die Daten werden gleichzeitig auch weiterverarbeitet, sie bleiben fluid und lebendig, so dass sie zuletzt direkt in das Verhalten und Denken der Menschen übergehen können, die sich durch das Gebäude bewegen. Gedichte funktionieren nach diesem Modell wie ein Stadionbau. Über die Stadien Gedichtentwurf, Umsetzung in einen Bau- und Gedichtbesuch, respektive Lektüre, bleiben die Informationen beweglich. Wer Gedichte liest, durchschreitet das Denkgebäude eines anderen, das einerseits statisch geworden ist (Schrift auf Papier), in dem andererseits aber das Denken prozessiert und in dieser fluiden Form das Denken und Handeln der Leser*innen beeinflusst. Mit dieser… Some highlights have been hidden or truncated due to export limits. Yellow highlight | Page: 64 Options Überall werden Entscheidungen mit Hilfe von Entscheidungsarchitekturen unterstützt, gelenkt, erleichtert oder – je nach Perspektive, die man einnimmt – auch manipuliert. Die Denkstadionbauten sind in allen Gesellschaftsbereichen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Gegenwartslyrik übernimmt dieses Modell, um es für ihre Denkübertragung fruchtbar zu machen. Indem die Lyrik es auf das Prozessieren des poetischen Denkens anlegt, indem etwa Daniel Falb darlegt, »die Möglichkeit des Gedichts besteht schlicht darin, mit der Aufmerksamkeit der Leserschaft für einen Moment hauszuhalten«, elaboriert sie ein verhaltenspsychologisches Lektüre- und Denkmodell. Die Lyrik der Gegenwart triggert und stupst das Denken, die Entscheidungen und Urteilsfähigkeiten ihrer Leser*innen so kalkuliert und mit solcher Leidenschaft an wie keine zuvor. Yellow highlight | Page: 64 Options Nutzt Facebook die Entscheidungsarchitekturen für Werbezwecke und zur Datensammlung, machen die Lyriker*innen sie sich als poetologische Metapher zunutze, um die Wirkung ihrer Verse systematisch zu erproben und zu verfeinern. Und sie machen sie zugleich zum Objekt ihrer lyrischen Grundlagenforschung, um Vers für Vers zu ergründen, wie Denken überhaupt und wie Urteilsfindungen und Entscheidungen von außen beeinflusst werden. Die lange Zeit für die Lyrik leitende Frage aus der Kommunikationstheorie, wie Informationen übertragen werden, erweitert sich um den Aspekt, wie Informationseinheiten, die auf bestimmte Weise dargereicht werden, Denkweisen anderer irritieren oder sogar bestimmen können. Die Lyrik nach 2000 ist von den Entscheidungsarchitekturen aber nicht einfach nur fasziniert. Die Verhaltensforschung hat entdeckt und beschrieben, was die Lyrik seither gemacht hat: Denkweisen verändern. »Du musst dein Leben ändern«, heißt nicht umsonst einer der berühmtesten Verse der deutschsprachigen Literatur. Yellow highlight | Page: 65 Options Durch die verhaltensökonomischen Modelle lässt sich die Lyrik als Entscheidungsarchitektur systematisch ausbuchstabieren. Die Gedichte sind demnach Versuchslabore für Entscheidungs- und Urteilsfindung. Aufgrund ihrer besonderen Beziehung zum Latenten und Ungewissen ist die Lyrik der ideale Ort für solche Versuchslabore. Yellow highlight | Page: 67 Options Das Stadionbild – wie es Daniel Falb als poetologische Metapher verwendet – ist gut gewählt, um in die Theorie der Denkübertragung einzuführen. Aber für die Beschreibung von Gedichten (und deren verhaltensökonomischer) Wirkung erweist es sich als unzureichend. Gedichte sind das krasse Gegenteil vom Denkgebäude »Stadion«. Beim Gang durch lyrische Denkarchitekturen ist so gut wie nichts vorhersehbar, und zwar sowohl auf der Ebene des einzelnen Textes als auch auf der eines Gedichtbandes. Bei der Gedichtlektüre spielt das Nacheinander der Lektüre eine entscheidende Rolle. Deshalb weiß man nie, was sich an den letzten gelesenen Satz anschließt. Man weiß nie, was hinter der Ecke des einen Satzgliedes, direkt hinter dem Satzzeichen oder dem Versende lauert. Durch diese Beziehung zur Ungewissheit entsteht erst das Doppelspiel aus Erwartung und Begehren. Wegen des Nacheinanders kommt es zum Spiel mit der Schnelligkeit der Gedankenfolge und zur Überraschung. Man kann avantgardistische Lyrikbände anhand ihrer besonderen Beziehung zur Unsicherheit sogar von den anderen literarischen Gattungen unterscheiden. In Romanen und Dramen führen der Verlauf einer Handlung, die Charakterisierung von Figuren, das Festlegen eines bestimmten Milieus, in der das Dargestellte spielt, Zeile für Zeile zum schrittweisen Abbau der Ungewissheit im Verlaufe der Lektüre. In Gedichten, die Narrative und Szenen sowieso auf Mikroeinheiten verknappen, die Figuren eher skizzieren als entfalten, bleibt die Ungewissheit im viel größeren Ausmaß bestehen, da schon im nächsten Gedicht eine andere Perspektivfigur, ein neuer Ort und eine unbekannte Zeit inszeniert werden können. Yellow highlight | Page: 68 Options Die Buchform – und die kookbooks betonen, wie oben gezeigt, die Buchform über die Maßen – hebt die Ungewissheit schon durch den Akt des Blätterns hervor. Zwischen den Gedichten liegt der Klang der gewendeten Seite. Überhaupt sind es gerade der Klang, der Rhythmus, die Melodie eines Autors, die als Gewissheit und Konstante durch den Text oder das Buch führen. Oder wie Steffen Popp betont: »Die Verläufe und Umgebungen, in denen sich poetisches Denken bewegt bzw. die poetisches Sprechen in Gedichten abbildet, sind aber in vieler Hinsicht oft extrem instabil und inhomogen.« (Popp, Was mit Begriffen, 20f.) Yellow highlight | Page: 68 Options Auch um diese Ungewissheit hervorzuheben, spricht Popp vom Gedicht als »Entwurf« und betont so dessen Vorläufigkeit. Yellow highlight | Page: 68 Options Wer Gedichte schreibt und liest, steht stets schon auf der Seite des Risikos und fordert Entscheidungen heraus, die unserer auf Sicherheit getrimmten Intuition entgegenstehen. Noch die konservativsten Lyriker*innen fordern das Risiko und die Bewahrungskräfte des Einzelnen heraus. Lyrik ist auch in diesem Sinne ein Vorreiter heutiger Entscheidungsforschung. Müsste man die Lyrik der Gegenwart in zwei Einheiten aufteilen, dann wäre dies von diesem Ausgangspunkt aus möglich. Yellow highlight | Page: 69 Options Vorstellungen eines Mobiles, so dass es im Anschluss an Alexander Calder heißt: »›So wie man Farben oder Formen komponieren kann, so kann man auch Bewegungen komponieren. […] Wenn alles klappt, ist ein Mobile ein Stück Poesie, das vor Lebensfreude tanzt und überrascht.‹« (Cotten u.a., Helm aus Phlox, 260) Das könnte ein Endpunkt sein, wenn die Fußnote nicht zugleich das Bild verwerfen würde und damit die nächste Bewegung vollziehen würde. Yellow highlight | Page: 69 Options Mobile, so behauptet Popp dort, das sei ja Rilke. Rincks Gedichte hingegen seien eher Apparaturen Jean Tinguelys, während Falbs Texte in der »Makrostruktur einer Müllhalde ähneln – umgekehrt Halden/Komposte, die in ihren Mikrostrukturen komplexe Chemiewerke bilden.« (Ebd.) So geht es in immer neuen architektonischen Modellen und in fortlaufender Denkbewegung weiter. Alle diese Bilder sind Varianten, um das Prozessieren des poetischen Denkens vor Augen zu stellen, auf das es der Gegenwartslyrik ankommt.