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tags: Technikbildung und technische Bildung & Projekte und Problemorientierter Werkunterricht
title: Prinzip Leichte Sprache
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# Seminar: Technikbildung und technische Bildung & Projekte und Problemorientierter Werkunterricht
## Sitzung: Didaktische Prinzipien: Leichte Sprache
> *Dr. Stefan Blumenthal*
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## Ziele für heute:
- [ ] Wissen über Bedeutung der Leichten Sprache
- [ ] Wissen über Regeln der Leichten Sprache
- [ ] Kritische Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Leichten Sprache
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## Leichte Sprache als Tor zur gesellschaftlichen Teilhabe
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## Was ist Leichte Sprache?
"Selkokieli" im Finnischen
"Easy-to-Read" im Englischen
"Leichte Sprache" im Deutschen
Alle diese Ansätze bezeichnen Strategien, um vorrangig Menschen mit Lernschwierigkeiten oder leichten geistigen Behinderungen die Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben zu erleichtern (Maaß, 2015). Schon früh versuchten andere Länder, die schriftsprachlichen Komponenten der Gesellschaft und der Politik für genannte Personengruppen zu öffnen und zugänglicher zu machen. In Deutschland waren es vordergründig Verbände, deren Aufgabenfeld in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung liegt, die das Konzept der Leichten Sprache in seiner Entwicklung vorantrieben. Auf politischer Ebene rückte dieses Bestreben erst durch die Erarbeitung und Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Fokus (Bock, 2015). Denn neben der Gewährleistung die physische Umwelt zu erreichen und Transportmittel nutzen zu können, fordert die BRK ausdrücklich, dass „Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen den Zugang ... zu Information und Kommunikation“ (Dusel, 2018, S. 13) erhalten. Gemeint ist Barrierefreie Kommunikation auf auditiver, visueller aber auch sprachlich-intellektueller Ebene. Zu letzterer zählt die Leichte Sprache, die inzwischen mehr und mehr in der Wissenschaft aufgegriffen wird. Zwar wurden schon früh Wörterbücher in Leichter Sprache durch den „Mensch zuerst e.V.“ herausgegeben (Kellermann, 2014), jedoch geht die Leichte Sprache weit darüber hinaus, lediglich Synonyme zu finden. Vielmehr steht sie für ein Sprachsystem, mit Hilfe dessen fachsprachliche Texte derartig übersetzt werden können, dass auch Personen mit kognitiven Einschränkungen sie verstehen können. Maaß (2015) bezeichnet sie auch als Varietät des Deutschen, die sich dadurch kennzeichnet, dass sie geplant und geprüft nicht aber gesprochen wird. Einen ersten Versuch den Übersetzungsprozess durch Regeln zu erleichtern und zu leiten unternahm Inclusion Europe 2009. Dieses sehr ausführliche Regelwerk bildet zumindest teilweise die Ausgangsbasis für später erarbeitete Handreichungen. Ebenfalls 2009 veröffentlichte das Netzwerk Leichte Sprache ein Regelwerk, welches in großen Teilen vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales übernommen und 2013 publiziert wurde. Aufgrund der großen Reichweite dieser Publikation sind diese Regeln großflächig etabliert. Auf Ebene des Bundes fand Leichte Sprache erstmals in einem Gesetzes- und Verordnungstext 2011 Erwähnung (Maaß, 2015, S. 28). In der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung 2.0 (BITV 2.0) sind unter Anlage 2 zu §4 Hinweise zur Gestaltung in Leichter Sprache niedergeschrieben (Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, 2011). Seit 2014 bündelt die Forschungsstelle Leichte Sprache Erkenntnisse und Ergebnisse und erstellt auf deren Basis ein eigenes Regelwerk.
:::info
:page_facing_up: **Aufgabe**
- Schauen Sie sich auf der Homepage der [:link: Universität Rostock](https://www.uni-rostock.de) an, wie gesellschaftlich aktuelle Informationen in leichter Sprache transportiert werden!
- Was fällt Ihnen auf? Fassen Sie die kurz für sich zusammen!
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## Welche Merkmale hat Leichte Sprache?
Bredel (2017) bezeichnet Leichte Sprache als Varietät des Deutschen, die maximal reduziert ist. Jeder noch so komplexe Sachverhalt kann einfach ausgedrückt werden. Die Frage ist lediglich, wer die Anstrengung auf sich nimmt, für gelingende Kommunikation zu sorgen. In schwierig zu lesenden Texten dürften dies in der Regel die AdressatInnen sein. Bei Texten in Leichter Sprache ist deren Erstellung bzw. eine Übersetzung aus schwierigen Textvorlagen eine Aufgabe von Lehrkräften in einem inklusiven Bildungssystem. Obwohl sich Texte in Leichter Sprache für geübte Leser mehr als einfach lesen, ist ihre Erstellung weitaus schwieriger. Zum einen ist eine ausführliche Informationsgewinnung vorab unerlässlich (Maaß, 2015), denn ist der Sachverhalt nicht verstanden, lässt sich dieser kaum auf den wesentlichen Inhalt reduzieren. Zum anderen braucht es, wie bereits erwähnt, Regeln, um den entstehenden Text der Zielgruppe entsprechend aufzubereiten. An erster Stelle steht die Reduktion des Inhalts, welcher anschließend in einfachsten Worten beschrieben wird. Sowohl Satzbau als auch Textstruktur sind sehr rudimentär gehalten und unterstützen neben einem reizarmen dafür aber stark strukturierenden Layout den Leseprozess.
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Im Folgenden werden die Regel-Ebenen der Leichten Sprache aus dem Ratgeber des Ministeriums für Arbeit und Soziales (2014) als offizielles Regierungsdokument vorgestellt: Wörter, Zahlen und Zeichen, Sätze, Text, Gestaltung und Bildern sowie Prüfen. Die einzelnen Regeln sind der Übersicht halber im Anschluss tabellarisch dargestellt.
- Der Aspekt „Wörter“ umfasst Vorgaben zur Auswahl und Verwendung geeigneter Begriffe sowie dem (Nicht-)Gebrauch einfachster Deklinationen, Abkürzungen und Redewendungen.
- Die Regeln der Ebene „Zahlen und Zeichen“ beziehen sich auf vereinfachte Schreibweisen in Form von Ziffern, vereinfachten Beschreibungen Jahres-, Zeit- oder Datumsangaben oder Abstandsregeln zwischen Ziffern.
- Für „Sätze“ in der Leichten Sprache gilt, dass sie kurz sein müssen und nur eine Aussage enthalten. Außerdem beginnen sie jeweils in einer neuen Zeile.
- Der gesamte „Text“ eines Leichten Textes spricht immer den Leser bzw. die Leserin direkt an. Querverweise und Fragen sind der Einfachheit halber zu vermeiden. Der Original-Text darf zugunsten des/der LeserInnen durch Beispiele und Erläuterungen ergänzt werden. Sinnvoll kann auch eine Anpassung der Reihenfolge sowie des Layouts sein. Obwohl der Text auch inhaltlich gekürzt werden darf, ist darauf zu achten, dass der Sinn nicht verfälscht wird.
- Die „Gestaltung“ Leichter Texte zielt darauf ab, die Leserlichkeit zu unterstützen. Die Regeln enthalten u.a. Angaben zu Zeilenabständen, Schriftart und -größe sowie Papier-, Schrift- und Bildauswahl.
- Unter dem Aspekt des „Prüfens“ wird darauf verwiesen, dass Leichte Texte immer geprüft sein sollten. Da die Regeln auf verschiedenen Ebenen greifen, sind sie sehr komplex. Aufgrund dessen gibt es spezielle Agenturen oder Dolmetscher, wie die Agentur für Leichte Sprache, die auf Auftragsbasis Texte in Leichter Sprache verfassen und prüfen. Die PrüferinInnen haben i.d.R. selbst Lernschwierigkeiten und können so abschätzen, ob die Texte wirklich für die Zielgruppe geeignet sind (Netzwerk Leichte Sprache, o.J.). Aufgrund von Erläuterungen, der ein-Satz-pro-Zeile-Regel oder Bebilderungen sind die Endprodukte länger als die Originale.
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:page_facing_up: **Aufgabe**
Bitte bearbeiten Sie die [Learningapp zum Thema "Leichte Sprache: Wörter"](https://learningapps.org/watch?v=p7mfcdodc20)!
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Bitte bearbeiten Sie die [Learningapp zum Thema "Leichte Sprache: Zahlen & Zeichen"](https://learningapps.org/watch?v=p6tc5k6tv20)!
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## Konkretion an einem Beispiel
Sie sehen hier einen Auszug aus dem Buch "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" von Jonas Jonasson, links in leichter Sprache, rechts in der deutschen Originalfassung.
<table>
<tr>
<td style="width:50%;">
<b>Auszug aus: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" von Jonas Jonasson, übertragen in Einfache Sprache von Eva Dix, Verlag Spaß am lesen 2019</b>
</td>
<td style="width:50%;">
<b>Auszug aus: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" von Jonas Jonasson, aus dem Schwedischen von Wibke Kuh, Penguin Verlag 2017</b>
</td>
</tr>
<tr>
<td>
"Allan steht im Blumenbeet und schaut auf seine Pantoffeln. Pantoffeln!
Warum hat er bloß vergessen, sich ein Paar ordentliche Schuhe anzuziehen!
Jetzt ist es zu spät.
Er kann nicht durchs Fenster wieder ins Haus klettern.
Schon der Sprung ins Blumenbeet war nicht ganz einfach.
Mit hundert ist man eben nicht mehr der Jüngste.
Hundert?
Ja, tatsächlich.
An diesem 2. Mai 2005 ist Allans 100. Geburtstag. (...)"
</td>
<td>
"Man möchte meinen, er hätte seine Entscheidung etwas früher treffen und seine Umgebung netterweise auch davon in Kenntnis setzen können. Aber Allan Carlson war noch nie ein großer Grübler gewesen. Entsprechend war der Einfall auch noch ganz frisch, als der alte Mann sein Fenster im Erdgeschoss des Altersheims von Malmköping, Sörmland, öffnete und in die Rabatte kletterte. ( ... ) Allan Carlson stand zögernd in dem Stiefmütterchenbeet, das an der Längsseite des Altersheims verlief. Zu einer braunen Hose trug er ein braunes Jackett und braune Pantoffeln. Mit der Mode hatte er es nicht so, aber das ist ja auch eher selten in diesem Alter. Er war von seiner eigenen Geburtstagsfeier ausgebüxt, was ja auch eher selten ist in diesem Alter - weil der Mensch generell eher selten in dieses Alter kommt. ( ... )"
</td>
</tr>
</table>
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## Einfache Sprache einfach nur ein Synonym für Leichte Sprache?
<div style="float:right;width:2%;">
<p></p>
</div>
<div style="float:right;">
<img src="https://www.lehrlinie.de/Werken_Werkstoffe/didaktPrinz/LeichteSprache/data/zielgruppe.png" alt="" width="400" />
</div>
Häufig werden Einfache und Leichte Sprache synonym verwendet, jedoch gibt es einen grundlegenden Unterschied: die Zielgruppe.
Einfache Sprache kann nahe der klaren Sprache, in der Texte aus bspw. Ämtern leserfreundlich aufbereitet werden, sein (Manning, o.J.). Andererseits kann sie derartig reduziert werden, dass sie sich der Leichten Sprache annähert (Ismaiel & Barg, 2018). Bredel (2017) spricht in diesem Zusammenhang von einer dynamischen Varietät des Deutschen. Im Gegensatz zur Leichten Sprache spielt die Ästhetik des Gesamttextes in Einfacher Sprache aber fast ebenso eine große Rolle, wie das Verstehen des Inhalts, das durch die entsprechende Textaufbereitung erreicht werden soll. Dafür werden Texte gemäß den Hauptaussagen des Originaltextes übersetzt oder neu formuliert (Manning, o.J.). Anders als in der Leichten Sprache liegen hierfür jedoch keine Regeln vor und die Übersetzung liegt im Ermessen des jeweiligen Translators (Kellermann, 2014). Grundlegend gilt aber, dass die Struktur eines offiziellen Textes, in dem Sätze und Abschnitte fortwährend geschrieben werden, beibehalten wird. Ein Satz darf mehrere Aussagen enthalten und aus bis zu zwei Nebensätzen bestehen. Das verwendete Wortmaterial orientiert sich an dem des Originaltextes. Unvermeidbare Fach- und Fremdwörter sowie Abkürzungen werden aber auch in der Einfachen Sprache erläutert. Zulässig ist zudem die Verwendung von Diagrammen oder Grafiken. Leichte Sprache verzichtet hingegen völlig auf komplizierte Darstellungen, sondern verwendet eindeutige Illustrationen, um das Leseverständnis zu erhöhen. Die vorgeschrieben Prüfung Leichter Texte stellt sicher, dass diese tatsächlich von der Zielgruppe verstanden werden. Diese Prüfung fehlt Texten in Einfacher Sprache und so liegt auch die Einschätzung hinsichtlich der Verständlichkeit des Inhalts im Ermessen des Schreibers.
<div style="clear: both"></div>
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## Wie setze ich Leichte Sprache als Lehrkraft um?
<div style="float:left;width:2%;">
<p></p>
</div>
<div style="float:left;">
<img src="https://www.lehrlinie.de/Werken_Werkstoffe/didaktPrinz/LeichteSprache/data/aufgaben.png" alt="" width="400" />
</div>
Über Leichte Sprache Schülerinnen und Schülern mit Lernbehinderungen oder leichten kognitiven Einschränkungen den Zugang zu Lernstoff zu erleichtern, ist auch in der Schule wünschenswert. Immerhin wiesen im Schuljahr 2018/2019 3,5% aller Schülerinnen und Schüler sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf im Lernen oder der geistigen Entwicklung auf (stat. Bundesamt, 2020). Knapp 60% dieser Lernenden wurde im gemeinsamen Unterricht beschult, sodass Individualisierung und Differenzierung unabdingbar sind. Hinzu kommen Kinder und Jugendliche ohne attestierten Förderbedarf, die jedoch trotzdem von zusätzlicher Hilfe profitieren. Wird Leichte Sprache als Teil dessen aufgegriffen und umgesetzt, können Texte und Arbeitsblätter oder auch nur Aufgabenstellungen auf die Schülerschaft regelgeleitet zugeschnitten werden (Liefner-Thiem, 2019). Einen Orientierungsrahmen bieten hier die bereits vorgestellten Regeln, da eine Prüfung durch entsprechende Dolmetscher kaum möglich sein wird.
Schäfer (2012) nennt dies „ein Minimieren von Barrieren“, um den Schülerinnen und Schülern das eigenständige Erschließen von Sachverhalten zu ermöglichen. Aufgabe der Lehrkraft ist also die Konstruktion eines Textes (Scharff, 2016). Dabei geht sie folgendermaßen vor: Erarbeiten des Inhalts (1), schreiben des Textes (2) und gestalten des Layouts (3). Aufgabe der Lernenden ist wiederum die Rekonstruktion des Geschriebenen, dafür gehen sie in umgekehrter Reihenfolge vor:
- Wahrnehmen des Layouts,
- Dekodieren des Textes,
- Entnehmen des Sinns.
Damit die Schülerinnen und Schüler entsprechend den Erwartungen der Lehrperson antworten, muss diese sich im Vorhinein überlegen, was sie sagen, fragen und wissen will. Und sie muss den Leistungsstand der Schülerschaft kennen, um entsprechend differenzieren zu können. Zur Erstellung von Texten für Lernende mit Lernschwierigkeiten ist entsprechend der Regeln der Leichten Sprache bspw. Zu fragen: Welche Begriffe sind bekannt? Welche müssen erklärt werden? Existiert eine Mengenvorstellung? Wie lange können sich die Schülerinnen und Schüler konzentrieren und wie lang darf der Text sein? Gerade letztere Frage ist relevant, da Texte in Leichter Sprache häufig länger als die Originale oder Texte in Einfacher Sprache sind (Maaß, 2015) und die LeserInnen unterm Strich mehr Wörter zu lesen haben. Bei zu langer Dekodierdauer kann die Lesemotivation beeinträchtigt werden. Inclusion Europe (2009) empfiehlt deshalb auch, große Themen in kleinere Kapitel zu gliedern und entsprechend aufzubereiten (Kellermann, 2014). Andererseits können Erfolgserlebnisse geschaffen werden, indem selbstständig Informationen erlesen und Fragen beantwortet werden können (Schäfer, 2012).
<div style="clear: both"></div>
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:page_facing_up: **Aufgabe**
Versuchen Sie den folgenden Sachtext zum Thema "Der Brief" in leichte Sprache zu überführen!
```!
Wenn man noch vor einigen Jahrzehnten jemandem etwas mitteilen wollte, hatte man keine andere Möglichkeit als ihm einen Brief zu schreiben und diesen von jemandem transportieren zu lassen. Bevor es Autos gab, passierte dies mit Postkutschen oder Postreitern. Heute werden Briefe mit dem Auto, mit der Bahn, mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug transportiert.
Ein Brief besteht aus einem beschriebenen Blatt und einem Kuvert (Briefumschlag) in das man das Blatt steckt. Ein Kuvert soll auf eine ganz bestimmte Art und Weise beschriftet werden. Oben in die linke Ecke kommt die Adresse des Absenders, das heißt desjenigen, der den Brief geschrieben hat. Unten rechts kommt die Adresse des Empfängers auf das Kuvert. Der Empfänger ist derjenige, der den Brief bekommen soll.
Jede Beförderung eines Briefes muss bezahlt werden. Dafür muss man auf der Post eine Briefmarke kaufen oder für einen Poststempel bezahlen.
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## Einwände gegenüber leichter Sprache
Es werden durchaus Einwände gegenüber dem Gebrauch leichter Sprache geäußert. Prof. Christiane Maaß von der Forschungsstelle Leichte Sprache der Universität Hildesheim hat diese gesammelt und geht darauf ein. Sie finden einen Auszug hieraus nachfolgend.
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:page_facing_up: **Aufgabe**
- Lesen Sie zunächst die aufgeführten Einwände! Wie stehen Sie jeweils dazu?
- Durch Klick auf den jeweiligen Einwand können Sie eine Stellungnahme von der Forschungsstelle Leichte Sprache hierzu einsehen. Können Sie diese Stellungnahmen für sich nachvollziehen?
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:::warning
:::spoiler **Brauchen Menschen mit Behinderung die betreffende Information überhaupt?**
Diese Frage ist im Grunde eine Anmaßung: Wer möchte denn entscheiden, was Menschen mit Behinderung „überhaupt brauchen“? Erst in jüngster Zeit haben Behinderte überfällige Rechte zugesprochen bekommen – Deutschlands erstes Behindertengleichstellungsgesetz stammt aus dem Jahr 2002 und erst im novellierten Behindertengleichstellungsgesetz von 2016 ist Leichte Sprache verankert. Die Gesetzeslage sieht für Personen mit Behinderung gleichberechtigte und möglichst selbstständige Teilhabe am öffentlichen Leben vor. Eine unmittelbare Voraussetzung dafür ist der Zugang zu Informationen. Die Informationen weisen aber häufig eine Form auf, die für einen Teil der Personen mit Behinderung unzugänglich ist. Wir sprechen hier nicht über wenige Leute - allein die Zahl der Demenzpatient_innen in Deutschland liegt bei deutlich mehr als einer Million. Hinzu kommt, dass auch sehr viele Personen ohne Behinderung vom Zugang zu Informationen ausgeschlossen sind, wenn diese nicht in Leichter Sprache vorliegen: die Zahl der von sekundärem Analphabetismus Betroffenen liegt bei 7,5 Millionen. Im Grunde ist also jeder Text ein Kandidat für eine Übersetzung in Leichte Sprache.
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:::warning
:::spoiler **Werden Texte in Leichter Sprache tatsächlich genutzt? Lohnt der Aufwand?**
Stellen Sie sich vor, es ist eine neue Krankheit entdeckt worden, die eine Gruppe von „nur“ 1000 Personen betrifft. Lohnt sich die Entwicklung von Medikamenten? Moralisch gesehen würde es sich auch für eine kleine Gruppe von Adressat_innen lohnen, Textangebote in Leichter Sprache vorzuhalten. Die Leichte-Sprache-Adressatenschaft ist allerdings eine sehr große Gruppe.
Darüber hinaus stellen wir fest, dass gerade bei schwierigen, fachlichen Texten aus dem juristisch-administrativen, dem medizinischen und dem technischen Bereich eine noch viel größere Gruppe von der hohen Verständlichkeit dieser Texte profitiert: nämlich all diejenigen Leser_innen, für die der fachliche Ausgangstext zu schwer ist. Zwar ist für diese Leser_innen die Leichte-Sprache-Fassung in der Regel zu leicht, aber die Inhalte sind überhaupt zugänglich.
Den Effekt, dass bei einem Abbau von Barrieren ein größerer Kreis von Personen profitiert als ursprünglich geplant, kennen wir auch aus anderen Bereichen: Wer mit Kinderwagen, Fahrrad oder Skateboard in der Stadt unterwegs ist, nutzt sicher gern die Rampen, die eigentlich primär für die Rollstuhlfahrer_innen angelegt wurden.
Darum: Ja, es lohnt sich ganz sicher, es lohnt sich häufig mehrfach und in unerwarteter Hinsicht, in den Abbau von Barrieren – im Falle der Leichten Sprache: in den Abbau von Kommunikationsbarrieren – zu investieren.
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:::warning
:::spoiler **Besteht nicht die Gefahr, dass das Sprachniveau in der Gesellschaft insgesamt sinkt?**
Texte in Leichter Sprache ersetzen standardsprachliche Texte ebenso wenig, wie der Rollstuhl gutes Schuhwerk ersetzt. Es handelt sich nicht um Ersatz-, sondern um Zusatzangebote.
Das Argument des Sprachverfalls findet sich häufig bei den Gegnern der Leichten Sprache, die von ihrem eigenen bildungsbürgerlichen Hintergrund ausgehend einen Sprach- und Kulturverfall konstatieren und Leichte Sprache als Beleg anführen. Häufig findet sich dann auch das Argument, dass jetzt wohl bald auch die Werke Goethe respektive Hegel oder Thomas Mann in Leichte Sprache übersetzt und damit zerstört würden. Davon ist aber bei den gegenwärtigen Bemühungen um Leichte Sprache keine Rede: Schwerpunktmäßig geht es darum, Teilhabe zu ermöglichen – adäquates Reagieren auf Briefe vom Amt, informierte und eigenständige Entscheidungen beim Arzt, Zugriff auf Informationstexte von Schulordnung bis Nachrichtentext. Viele der Ausgangstexte, man muss es einmal konstatieren, sind gerade keine Ruhmesstücke deutscher Ausdruckskunst, sondern in missverständlichem Amtsdeutsch oder Fachchinesisch geschrieben. Wer solche Texte mit verständlichen Entsprechungen flankiert, ist keineswegs ein Agent eines gesamtgesellschaftlichen Sprachverfalls. Vielmehr reagiert er oder sie darauf, dass Texte häufig Teilen ihrer Adressatenschaft vorbeikommunizieren.
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:::warning
:::spoiler **Ist Leichte Sprache nicht herablassend?**
Würden Sie sagen, dass ein Rollstuhl herablassend ist, weil er die Gehbehinderung seiner Nutzer_innen geradezu gegenständlich greifbar macht? Wahrscheinlich nicht. Ebenso wenig ist Leichte Sprache für sich genommen herablassend. Leichte Sprache birgt aber, wenn sie unsachgemäß angewendet wird, diese Gefahr: Viele Leser_innen kennen Texte in Leichter Sprache, die tatsächlich herablassend wirken. Falsche Bindestrichschreibungen sind beispielsweise herablassend, weil sie unterstellen, es sei nicht nötig, der Adressatenschaft korrekte Texte vorzulegen. Herablassend ist ebenso die Wendung „Das schwere Wort dafür ist …“, die sich in manchen Leichte-Sprache-Texten findet:
Herr Meier hatte einen schweren Unfall.
Jetzt lernt er einen anderen Beruf.
Das schwere Wort dafür ist:
berufliche Rehabilitation.
Im Begriff „Leichte Sprache“ schwingen unterschiedliche Lesarten mit, nicht alle sind positiv. „Endlich leicht genug, endlich verständlich“ ist eine positive Lesart, daneben steht aber auch: „Leicht genug, denn das andere ist für Euch zu schwer“. Gerade diese Lesart wird mit „Das schwere Wort dafür ist“ an die Oberfläche geholt, denn diese Wendung betont die kommunikative Ungleichheit zwischen Autor_innen und Leser_innen: „Für Euch sind diese Wörter natürlich zu schwer (und für uns natürlich nicht)“. Das ist herablassend und dabei in der textuellen Entfaltung noch nicht einmal besonders leicht. Die Gefahr, dass Leichte-Sprache-Texte herablassend wirken, ist damit tatsächlich gegeben und es muss ihr mit besonderer Sorgfalt begegnet werden.
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:::warning
:::spoiler **Verdrängt Leichte Sprache die Standardsprache? Werden wir in Zukunft alle verstärkt mit derartigen Texten konfrontiert sein?**
Leichte Sprache ersetzt oder verdrängt weder allgemeinsprachliche noch fachsprachliche Texte. Sie ist ein Zusatzangebot für Adressat_innen mit Leseeinschränkung. Zukünftig werden uns sicherlich und hoffentlich verstärkt Texte in Leichter Sprache begegnen. Allerdings sollten im Regelfall parallel die Ausgangstexte zur Verfügung stehen, sodass die Leser_innen selbst das für sie angemessene Angebot wählen können.
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:::warning
:::spoiler **Ist Leichte Sprache tatsächlich korrektes Deutsch?**
Die Leichte Sprache ist Teil der deutschen Sprache und bewegt sich im Rahmen der standardsprachlichen Grammatik und Orthographie.
Die ersten Regelwerke für Leichte Sprache sind aus der Praxis heraus entstanden. Diese Regelwerke enthalten eine Reihe von Regelvorschlägen, die entweder nicht umsetzbar sind (z.B. „keine Negation“, „keine Metaphern“) oder nicht der Grammatik oder Orthographie entsprechen (z.B. „Hauptsätze dürfen mit weil beginnen“, „generalisierter Einsatz von Bindestrichen zur Trennung von Komposita“). Inzwischen sind diese Regeln auf wissenschaftlicher Basis überarbeitet worden. Die wissenschaftlich fundierten Regeln, wie sie auch in diesem Ratgeber vorgestellt werden, entsprechen sämtlich der deutschen Orthographie und Grammatik.
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## Selbsteinschätzung
Inwieweit haben Sie die Ziele für diese Einheit erreicht?
|Ziele|:smiley:|:confused:|:disappointed:|
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|Wissen über Bedeutung der Leichten Sprache|<input type="checkbox">|<input type="checkbox">|<input type="checkbox">|
|Wissen über Regeln der Leichten Sprache|<input type="checkbox">|<input type="checkbox">|<input type="checkbox">|
|Kritische Auseinandersetzung mit dem Ansatz der Leichten Sprache|<input type="checkbox">|<input type="checkbox">|<input type="checkbox">|
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:mega: Sollte Ihnen ein Ziel zu kurz gekommen sein oder wenn Sie jegliches Feedback oder Kritik haben, nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion und geben Sie mir Hinweise zum Überarbeiten.
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## Literaturtipps
- Bock, B. (2015). Barrierefreie Kommunikation als Voraussetzung und Mittel für die Partizipation benachteiligter Gruppen – Ein (polito-)linguistischer Blick auf Probleme und Potenziale von „Leichter“ und „einfacher Sprache“. Linguistik Online, 73 (4). Verfügbar unter: https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/2196/3366.
- Bredel, U. (2017). Leichte Sprache und Inklusion – am Beispiel der inklusiven Schule. Verfügbar unter: https://www.1.ids-mannheim.de/fileadmin/aktuell/kolloquien/Leichte_Sprache/Bredel_Leichte_Sprache_und_Inklusion.pdf.
- Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (2011). Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0). Verfügbar unter: https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen/a712a-bitv-2-0-barrierefrei.pdf;jsessionid=289C87F4D582B05EE04CD4F11911CFFA?_blob=publicationFile&v=2#page22.
- Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2014). Leichte Sprache. Ein Ratgeber. Bonn: Referat Information, Monitoring, Bürgerservice, Bibliothek.
- Dusel, J. (Beauftragter der Bundesregierung für Belange von Menschen mit Behinderung, Hrsg., 2018). Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Verfügbar unter: https://www.behindertenbeauftragter.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Broschuere_UNKonvention_KK.pdf?_blob=publicationFilev=45.
- Ismaiel, M. & Barg, A. (2018). „Einfache“ Sprache. Einführung, Tipps und Beispiele. Verfügbar unter: https://www.netzwerk-einfache-sprache.com/uploads/1/1/8/5/11853840/einfache_sprache_9_tipps_dr_ismaiel.pdf.
- Kellermann, G. (2014). Leichte und einfache Sprache – Versuch einer Definition. Verfügbar unter: https://m.bpb.de/apuz/179341/leichte-und-einfache-sprache-versuch-einer-definition.
- Liefner-Thiem, M. (2019). Teilhabe ermöglichen. Leichte Sprache. Verfügbar unter: https://www.schule-inklusiv.de/blog/inklusiver-unterricht/post/durch-leichte-sprache-teilhabe-ermoeglichen.
- Manning, S. (o.J.). ABC der einfachen Sprache. Verfügbar unter: https://multisprech.org/einfache-sprache/abc/.
- Netzwerk Leichte Sprache (o.J.). Das ist Leichte Sprache. Verfügbar unter: https://www.leichte-sprache.org/das-ist-leichte-sprache.
- Scharff, S. (2016). Einfache Sprache im inklusiven Unterricht und in Prüfungen. Verfügbar unter: https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/schule/inklusion/Einfache_Sprache_Fachtag_Inklusion_02.06.2016.pdf.
- Schäfer, H. (2012). Leichte Sprache – theoretische Herleitung und Handhabung in der Praxis. Verfügbar unter: https://neues-vom-rosenberg.de/leichte-sprache/theorie.html.
- Statistisches Bundesamt (2020). Bildung und Kultur. Allgemeinbildende Schulen, Schuljahr 2018/2019. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/schulen/Publikationen/Downloads-Schulen/allgemeinbildende-schulen-2110100197004.pdf?_blob=publicationFile.