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tags: Technikbildung und technische Bildung & Projekte und Problemorientierter Werkunterricht
title: Prinzip Didaktische Reduktion
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# Seminar: Technikbildung und technische Bildung & Projekte und Problemorientierter Werkunterricht
## Sitzung: Didaktische Prinzipien: Didaktische Reduktion
> *Dr. Stefan Blumenthal*
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## Ziele für heute:
- [ ] Wissen zur Begründung der Didaktischen Reduktion
- [ ] Wissen über Ebenen der Didaktischen Reduktion
- [ ] Wissen zur Anwendung einer Didaktischen Reduktion
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## Podcast "Aus der Praxis"
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## Didaktische Reduktion oder: Weniger ist mehr!
In der Didaktik nehmen Methoden, Medieneinsatz und die Orientierung an Lernergebnissen eine zentrale Rolle ein. Vernachlässigt wird hingegen der inhaltliche Aspekt des Lehr-Lernprozesses. Dabei haben Unterrichtsforschungen ergeben, dass die Stoffmenge gar in einem umgekehrten Verhältnis zum Lernerfolg steht. In Seminaren, in denen den Teilnehmenden weniger Inhalte vermittelt wurden, hatten mehr Teilnehmende das Gefühl, viel gelernt zu haben, als in Seminaren mit einer größeren Fülle an Lerninhalten (Siebert, 2009, S. 211). Somit stellt die Auswahl und Aufbereitung von Inhalten in Bezug auf die Effektivität des Lehr-Lernprozesses und dessen Resultat eine zentrale Anforderung an Lehrende dar.
Die Umwandlung komplexer Sachverhalte in verständliche Lerninhalte stellt eine Kernanforderung an Lehrende in der Vorbereitung und Durchführung von Unterricht und Lernangeboten dar. In vielen Bereichen nimmt – zum Beispiel durch Globalisierung oder technologischen Fortschritt – die Komplexität der zu vermittelnden Themen zu. Hinzu kommt, dass SchülerInnen mit Förderbedarf Lernen teilweise große Schwierigkeiten in der Aufnahme-, Verarbeitung- und langfristigen Speicherungskapazität aufweisen.
Das Ziel ist es, einen fachlichen Tatbestand so zu vereinfachen, dass er einerseits wissenschaftlich wahr („gültig“) bleibt, andererseits aber auch für die Lernenden „erfassbar“ bleibt.
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:page_facing_up: **Aufgabe**
Überlegen Sie für sich:
- Wie lassen sich relevante Inhalte auswählen?
- Wie können sie vereinfacht und auf das Wesentliche reduziert werden?
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## Was bedeutet Didaktische Reduktion? - Definition
Eine Didaktische Reduktion von Lerninhalten bedeutet, dass Sachverhalte für die Lernenden so aufbereitet werden, dass sie überschaubar und verständlich sind. Sie findet statt, wenn aus einer großen Stofffülle eine Auswahl der Lerninhalte getroffen wird oder wenn ein komplexes Thema vereinfacht dargestellt wird, indem es auf seine grundlegenden Konzepte, Ideen oder Muster reduziert wird. Dies unterliegt dem institutionellen Rahmen und dem „Lehrplan“. Die didaktische Reduktion ist eine Methode, um komplexe Wirklichkeit auf wesentliche Elemente zu vereinfachen/ zu reduzieren, um schülerInnengemäße Präsentation des jeweiligen Inhalts zu ermöglichen.
Bei der didaktischen Reduktion steht damit auch die Anpassung der Lerninhalte an einzelne SchülerInnen oder eine Lerngruppe im Vordergrund (Adaptiver Unterricht).
Es soll eine Hilfestellung sein, heißt aber nicht, dass man Schwierigkeiten auslassen sollte. Hierbei geht es um eine „minimale Überforderung“ an die SuS im Sinne der Zone der nächsten Entwicklung Für den Stoff bzw. den zu vermittelnden Lerninhalt gilt die fachliche Richtigkeit und zudem muss der Lernstoff an den Kenntnisstand der Lerngruppe angepasst werden. Die Ausarbeitung wird durch geeignete Auswahl von Beispielen und Modellen unterstützt. Die Angemessenheit ist an das Vorwissen der Lernenden angeknüpft und dient der angemessenen Gestaltung des Unterrichts.
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## Auf welchen Grundlagen beruht die Didaktische Reduktion?
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Aus der Neurowissenschaft ist bekannt, dass das Gehirn mithilfe von Mustern und Regeln arbeitet. Es extrahiert aus dem Input, den es bekommt, das Regelhafte, um es besser abspeichern und später wieder abrufen zu können. So speichert das Gehirn beispielsweise nicht jedes neue Gesicht mit allen Details erneut ab, sondern es hat einen Prototypen eines Gesichts abgespeichert. Alle gespeicherten Gesichter unterscheiden sich nun lediglich durch die Abweichungen von diesem Prototypen. Diese Mustererkennung des Gehirns gilt auch für das menschliche Lernen. Die vorhandenen Muster helfen dabei, neue Details und Informationen aufzunehmen. Darüber hinaus speichert das Gehirn auch einzelne Wissenselemente ab, die wie Leuchttürme wirken: Sie geben Orientierung und schaffen, einmal aktiviert, Verbindungen zu weiterem vorhandenem Wissen (Hunter, 2011, S. 75ff.). Für die Arbeit als Lehrperson bedeutet dies, sich bei der Inhaltsvermittlung vor allem auf Schlüsselbegriffe, Grundkonzepte oder exemplarisches Lernen zu konzentrieren. Dies fällt insbesondere Lehrkräften in der Erwachsenenbildung mit einem großen Fachwissen schwer.
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## Wie wird eine Didaktische Reduktion realisiert?
Die Reduzierung auf das Wesentliche ist mitunter schwerer als die Vermittlung eines ganzheitlichen Überblicks, wie schon der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal 1656 schrieb:
> [name= 6. Brief, 4. Dezember 1656, Übersetzung: 1792, S. 263][color=red]
„Ich habe den gegenwärtigen Brief aus keiner andern Ursach so lang gemacht, als weil ich nicht Zeit hatte, ihn kürzer zu machen.“
Aus fachlicher Sicht stellt sich für die Lehrkräfte bei der didaktischen Reduktion die Frage eines angemessenen Umgangs mit der Stoffmenge (Stoffmengenproblem) bezogen auf die Zielgruppe, insbesondere, wenn es eine sehr heterogene Zielgruppe ist. Oder wie Lehner es formuliert: "Trennen wir das Lernwürdige vom Lernmöglichen!"
Aus lernpsychologischer Perspektive geht es darum, im [Pestalozzi’schen](https://lmgtfy.com/?q=Pestalozzi) Sinne den Lerngegenstand in den Verstehens- und Motivationshorizont des Lernenden zu bringen. Aus der Perspektive curricularer Entscheidungen geht es darum, die Inhaltsauswahl zu begründen. Im Folgenden werden verschiedene Verfahren und Kriterien didaktischer Reduktion vorgestellt.
Die Aufgaben des Lehrenden bestehen vor allem in der begründeten...
- Auswahl aus der Stoff-Fülle
- Konzentration auf das Stoff-Wesentliche
- Vereinfachung der Stoff-Kompliziertheit.
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## Ebenen der didaktischen Reduktion
Wie bereits in dem Video zu den Leitfragen angedeutet, unterscheidet man 2 Ebenen und 2 Formen der didaktischen Reduktion.
Bei der **horizontalen didaktischen Reduktion**, der sog. Darstellungsreduktion bleibt der Gültigkeitsumfang der Aussage gleich. Die horizontale Reduktion zielt auf eine möglichst anschauliche Darbietung einzelner Sachverhalte ab, durch Beispiele, Metaphern, Analogien zu Hilfe nimmt oder auch mit Erläuterungen, Erklärungen und Veranschaulichungen.
Beispiel: Man veranschaulicht den Verkehrsfluss im Straßenverkehr mit den Adern und Blutbahnen des Menschen oder anderen „Flüssen“. Der tatsächliche Sachverhalt wird dabei insofern „reduziert“, als ein Verstehenseffekt nicht durch die detaillierte Analyse seiner komplexen Struktur, sondern durch Bezugnahme auf unmittelbar einleuchtende Bilder oder Parallelen erzielt wird.
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Die **vertikale didaktische Reduktion**, die sog. Inhaltsreduktion, ist die „eigentliche“ didaktische Reduktion. Dabei werden zwei Formen unterschieden:
- Die **qualitative didaktische Reduktion (Schwierigkeitsreduktion)** zielt darauf ab, die Inhalte unter Berücksichtigung der Lernvoraussetzungen zu vereinfachen (Konkretisierung) und möglichst anschaulich darzubieten, ohne dabei den Wahrheitsgehalt zu beeinträchtigen. Hierbei wird der Gültigkeitsumfang einer wissenschaftlich korrekten Aussage von Stufe zu Stufe eingeengt. Ziel ist die Reduzierung auf die elementaren Gesichtspunkte, um den Gegenstand auf den Verstehenshorizont der Lernenden zu transformieren. Für den Lehrenden stellt sich dabei die didaktische Reduktion als eine Gratwanderung zwischen "Gültigkeit" der Aussage einerseits und ihrer "Fasslichkeit" bzw. Verstehbarkeit andererseits dar.
- Die **quantitative didaktische Reduktion (Umfangsreduzierung)** zielt darauf, die Stofffülle auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, wobei es auch darum geht, den didaktischen „Mut zur Lücke“ aufzubringen. Sie erfolgt durch eine Konzentration der Lerninhalte (Abstraktion). Die Umfangsreduzierung kann prinzipiell in drei Varianten, denen unterschiedliche Begrenzungsabsichten und didaktische Absichten zu Grunde liegen, erfolgen: elementar, fundamental oder exemplarisch.
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Bitte bearbeiten Sie die [Learningapp zum Thema "Leichte Sprache: Wörter"](https://learningapps.org/watch?v=p742jmr7c20)!
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## Die Vollständigkeitsfalle
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Lehrende stehen vor der Herausforderung, ihrem eigenen Anspruch, möglichst alle relevanten Aspekte eines Fachbereichs bzw. Themenfeldes zu vermitteln, gerecht zu werden. Gleichzeitig dürfen sie aber den Lernerfolg der Lernenden nicht aus den Augen verlieren (Vollständigkeitsfalle).
In dem folgenden Video erklärt Prof. Dr. Martin Lehner Hintergründe der Vollständigkeitsfalle und erläutert, wie man ihr als Lehrkraft entgehen kann.
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## Tiefenbohrungen: Gründlichkeit vor Vollständigkeit
Die Expertise in einem Themengebiet unterstützt Lehrerende darin, das Prinzip von Fachlandkarte und Tiefenbohrung umzusetzen. Die Vorgehensweise besteht aus zwei Schritten:
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1. Erstellen Sie eine Wissenslandkarte. Mithilfe Ihres Expertenwissens skizzieren Sie die Grundlandschaft des betreffenden Wissensgebiets. Sie strukturieren den Stoff und erhalten auf diese Weise eine Fachlandkarte, die einen Überblick über das gesamte Thema bietet. In der Praxis kann diese Fachlandkarte zum Beispiel die Form einer Mindmap haben.
2. Nehmen Sie Tiefenbohrungen vor. Nun wählen Sie in der Grundlandschaft einige Stellen aus, an denen Sie in die Tiefe bohren. Sprich: Als AutorIn steigen Sie hier tiefer ein, erklären Zusammenhänge und Details, so dass die LeserInnen wirklich etwas über das Thema erfahren.
Es gilt also das Prinzip “Gründlichkeit vor Vollständigkeit”. Bezugnehmend auf Martin Wagenschein (1896-1988) erklärt Lehner (2012):
>[name=Lehner (2012)][color=red]
„Die Grundlandschaft steht für den Überblick und das Ganze, die Tiefenbohrungen für sorgfältige Vertiefungen und die intensive Auseinandersetzung mit dem Einzelnen und Wesentlichen. So, wie der Grundlandschaft das Verbindende und Allgemeine anhaftet, stehen Tiefbohrungen als Muster, Vorbild oder Modell für etwas Fachtypisches.“
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## Selbsteinschätzung
Inwieweit haben Sie die Ziele für diese Einheit erreicht?
|Ziele|:smiley:|:confused:|:disappointed:|
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:mega: Sollte Ihnen ein Ziel zu kurz gekommen sein oder wenn Sie jegliches Feedback oder Kritik haben, nutzen Sie bitte die Kommentarfunktion und geben Sie mir Hinweise zum Überarbeiten.
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## Literaturtipps
- Lehner, M. (2012). Didaktische Reduktion. Bern: Haupt.
- Ritter-Mamczek, B. (2011). Stoff reduzieren. Methoden für die Lehrpraxis. Opladen: Barbara Budrich.
- Sorgalla, M. (2015). Didaktische Reduktion. Abrufbar unter: www.die-bonn.de/wb/2015-didaktische-reduktion-01.pdf.
- Stahl-Morabito, N. (2019). Schulische Förderangebote in den Förderschwerpunkten Lernen und emotionale und soziale Entwicklung. Der Versuch einer Taxonomie. Zeitschrift für Heilpädagogik, 70 (2019) 8, 375-386.