# Literarische Prompts: Stilübungen
## zu Stilübungen von Queneau:
STILÜBUNGEN (Exercices de style)
von Raymond Queneau
Übersetztung: Ludwig Hartig & Eugen Helmlé
(Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1990)
https://monoskop.org/images/7/7c/Queneau_Raymond_Stiluebungen.pdf
### 1. Versuch Schreibe diesen Text als **Interjektion**:
> "Im Autobus der Linie 5, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa
> sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer
> Hals, als hätte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende
> Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedesmal, wenn
> jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll.
> Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich drauf. Zwei Stunden später sehe
> ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit
> einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: Du solltest dir noch einen
> Knopf an deinen Überzieher nähen lassen. Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum."
Im Vergleich dazu Queneaus "Interjektion":
> "Interjektionen
> Pst! he! ah! oh! hm! ah! uff! eh! nanu! oh! bah! puh! hui! uh! ei! na! he! pah!
> Nanu! eh! bah! oh! he! naja!"
## 2. Versuch: Schreibe aus diesem Text ein Portrait des Mannes:
> "Im Autobus der Linie 5 ... Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt)
> und warum."
Er war ein junger Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren, mit einem weichen Hut, an dem statt eines Bandes eine Kordel befestigt war. Sein Hals wirkte unnatürlich lang, als hätte man daran gezogen. Inmitten der Menschenmenge im vollen Autobus der Linie 5 zur Hauptverkehrszeit, war er über seinen Nachbarn erbost, beschwerte sich lautstark und beschuldigte ihn, ihn jedesmal anzurempeln, wenn jemand vorbeikam. Seine Stimme klang weinerlich, aber bösartig. Sobald er einen leeren Platz entdeckte, stürzte er sich darauf. Zwei Stunden später traf man ihn erneut an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, zusammen mit einem Kameraden, der ihm riet, sich noch einen Knopf an seinem Überzieher nähen zu lassen.
### Im Vergleich dazu Queneaus "Portrait":
> **Portrait**
> Der Knülch ist ein Zweifüßler mit sehr langem Hals, der gegen Mittag die Autobusse der Linie S heimsucht. Er hat eine besondere Vorliebe für die hintere Plattform, wo er, rotznäsig, herumsteht, seinen Kopf mit einer Haube bedeckt, die ein fingerdicker, seilähnlicher Auswuchs umgibt. Stets schlecht gelaunt,
> greift er gern Schwächere an; trifft ihn jedoch ein etwas lebhafter Gegenstoß, so flieht er ins Innere des Fahrzeuges, wo er versucht, sich in Vergessenheit zu
> bringen.
> Man sieht ihn auch, allerdings viel seltener, in der Umgebung der Gare SaintLazare, im Augenblick der Häutung. Er behält seine alte Haut, um sich gegen
> die Winterkälte zu schützen, doch ist sie stellenweise zerfetzt, um das Ein- und Ausschlüpfen des Körpers zu erlauben; vermutlich muß diese Art Überzieher mit
> Hilfe künstlicher Mittel ziemlich hoch geschlossen werden. Der Knülch, unfähig, dies selbst zu entdecken, wird darauf die Hilfe eines anderen Zweifüßlers
> ähnlichen Schlages aufsuchen, der ihn vorüben läßt.
> Die Knülchographie ist ein Kapitel der theoretischen und deduktiven Zoologie, die man zu jeder Jahreszeit pflegen kann.
## 3. Versuch: Schreibe aus diesem Text eine Charakteristik des Mannes:
> "Im Autobus der Linie 5 ... Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt)
> und warum."
Der Mann, von dem in diesem Text die Rede ist, wird als ein junger Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren beschrieben. Er trägt einen weichen Hut mit einer Kordel anstelle des Bandes und hat einen zu langen Hals, als hätte man daran gezogen. Er wird als über seinen Nachbarn erbost dargestellt und beschuldigt diesen, ihn jedes Mal anzurempeln, wenn jemand vorbeikommt. Sein Tonfall ist weinerlich und soll bösartig klingen. Er stürzt sich auf einen freien Platz, wenn er einen sieht. Später wird er wieder gesehen, als er mit einem Kameraden zusammen ist, der ihm sagt, dass er sich noch einen Knopf an seinem Überzieher nähen lassen soll. Der Mann wirkt unhöflich und ungeduldig, und scheint schnell beleidigt zu sein. Er ist selbstbewusst und wenig höflich, und scheint nicht besonders auf Äußerlichkeiten zu achten.
## 4. Versuch: Schreibe aus diesem Text ein Sonett mit 4 Strophen:
Im Autobus der Linie 5, zur Hauptverkehrszeit,
Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren,
Weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes,
Zu langer Hals, als hätte man daran gezogen.
Leute steigen aus, der in Frage stehende Kerl
Ist über seinen Nachbarn erbost,
Er wirft ihm vor, ihn jedesmal anzurempeln,
Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll.
Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich drauf,
Doch zwei Stunden später, an der Cour de Rome,
Vor der Gare Saint-Lazare, trifft man ihn wieder,
Mit einem Kameraden, der sagt: "Knopf nähen lassen, an deinen Überzieher."
## 5. Versuch: Schreibe aus diesem Text ein Gedicht im Stil von Ernst Jandl mit 4 Strophen:
Im Autobus, Linie 5, die Rush Hour,
Ein Mann, sechsundzwanzig, Hut mit Kordel,
Langer Hals, als ob gezogen,
Leute steigen aus.
Erbost über Nachbar,
Vorwürfe, ständiges Anrempeln,
Weinerlich, bösartig,
Als Platz frei, stürzt er sich drauf.
Zwei Stunden später,
Cour de Rome, Gare Saint-Lazare,
Wiedersehen mit Kamerad,
"Knopf nähen lassen" am Ausschnitt.