--- url: https://hackmd.io/3dCJfxLiQdy2bFVUjJ2Pxw title: Rebellion als Bürgerpflicht - Was Österreich von Frankreich lernen kann lastSync: 2026-03-09T01:40:35.229Z tags: - Rebellion - Österreich - Frankreich - Politik - Bürgerpflicht - Protestkultur - Demokratie - Geschichte --- # Rebellion als Bürgerpflicht: Was Österreich von Frankreich lernen kann In Frankreich ist Widerstand kein Störfaktor. Er ist Bürgerpflicht. Diese Haltung ist keine Laune, kein Nationalklischee und kein Temperament — sie ist das Ergebnis einer Geschichte, die sich über Jahrhunderte konsequent wiederholt hat. Wer verstehen will, warum Millionen Franzosen wegen einer Rentenreform wochenlang auf die Straße gehen, während in Österreich bestenfalls ein Leserbrief geschrieben wird, muss diese Geschichte kennen. ## Es beginnt vor der Revolution Schon im Mittelalter war Frankreich ein Land der Aufstände. Die Jacquerie von 1358 — ein Bauernaufstand im Norden Frankreichs — war einer der heftigsten. Ausgebeutete Bauern, die unter den Folgen von Pest, Krieg und feudaler Willkür litten, griffen zu den Waffen. Der Aufstand wurde brutal niedergeschlagen, aber er setzte ein Zeichen: Die Unterdrückten haben eine Stimme, und sie werden sie benutzen. Dieses Muster wiederholte sich über Jahrhunderte. Frankreich war nie ein Land, in dem die Bevölkerung still hielt, wenn die Obrigkeit zu weit ging. ## 1789: Der große Knall Die Französische Revolution war nicht nur ein politischer Umsturz — sie war eine Neudefinition dessen, was ein Bürger ist. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 formulierte in Artikel 2 etwas, das in Österreich bis heute undenkbar wäre: Das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung als natürliches, unveräußerliches Menschenrecht. Nicht als Ausnahme. Nicht als letztes Mittel. Als Grundrecht. Dieser Satz ist bis heute Teil des französischen Verfassungsblocks. Er ist nicht dekorativ — er ist Fundament. ## Ein Jahrhundert der Revolutionen Was nach 1789 folgte, war kein Abklingen, sondern eine Bestätigung: Die Franzosen meinten es ernst. 1830 stürzten sie Karl X., weil er versuchte, die Pressefreiheit einzuschränken und das Parlament zu entmachten. Drei Tage Straßenkampf in Paris — die sogenannten Trois Glorieuses — und der König war weg. 1848 folgte die nächste Revolution. Während in Wien der Aufstand scheiterte und das Kaiserreich weiterregierte, riefen die Franzosen ihre Zweite Republik aus. Der Unterschied ist bezeichnend: gleicher Impuls, völlig anderes Ergebnis. 1871 dann die Pariser Kommune — vielleicht das radikalste Experiment der französischen Geschichte. Arbeiter und Bürger übernahmen für 72 Tage die Verwaltung von Paris. Direkte Demokratie, Selbstverwaltung, Abschaffung der Privilegien. Es wurde im Blut ertränkt — die sogenannte Semaine sanglante forderte tausende Tote. Aber die Idee, dass gewöhnliche Menschen sich selbst regieren können, war nicht mehr aus der Welt zu schaffen. ## Résistance: Widerstand als Identität Im Zweiten Weltkrieg wurde der französische Widerstandsgeist zur Überlebensfrage. Die Résistance — ein Netzwerk aus Partisanen, Intellektuellen, Kommunisten, Gaullisten und einfachen Bürgern — kämpfte gegen die deutsche Besatzung und das kollaborierende Vichy-Regime. Der Kontrast zu Österreich könnte nicht schärfer sein. Während Frankreich sich nach dem Krieg als Nation erzählte, die Widerstand geleistet hatte, verkaufte sich Österreich jahrzehntelang als „erstes Opfer" Hitlers — eine bequeme Geschichtsklitterung, die jede Verantwortung abwälzte und jeden Widerstandsgeist im Keim erstickte. ## Mai 1968: Rebellion ohne Not Der Mai 1968 war etwas Neues. Hier ging es nicht um Hunger, nicht um Krieg, nicht um nackte Existenz. Studenten und Arbeiter legten gemeinsam das ganze Land lahm, weil die Gesellschaft zu starr, zu hierarchisch, zu erstickend war. „Unter dem Pflaster liegt der Strand" — dieser Satz fasst zusammen, worum es ging: unter der verhärteten Oberfläche steckt ein freieres Leben. In Österreich wäre 1968 undenkbar gewesen. Nicht weil es keine Gründe gegeben hätte, sondern weil die kulturelle Infrastruktur für kollektiven Widerstand fehlte. ## Bis heute: Gelbwesten, Rentenproteste, Straße als Dialog Die Tradition reißt nicht ab. 2018 gingen die Gilets Jaunes — die Gelbwesten — auf die Straße. Was als Protest gegen eine Benzinsteuer begann, wurde zur Grundsatzkritik an sozialer Ungleichheit und einer politischen Elite, die den Kontakt zur Bevölkerung verloren hatte. 2023 dann die Rentenproteste: Millionen demonstrierten wochenlang gegen die Anhebung des Rentenalters. In Frankreich ist der Streik kein Ausnahmezustand — er ist das normalste Kommunikationsmittel zwischen Volk und Regierung. Ein Druckmittel, das zum demokratischen Werkzeugkasten gehört. ## Was die Wissenschaft dazu sagt All das ist nicht bloß Bauchgefühl oder Klischee. Die Sozialwissenschaften haben den Unterschied zwischen französischer Rebellionskultur und österreichischer Folgsamkeit messbar gemacht — und die Ergebnisse sind eindeutig. ### Hofstede's Kulturdimensionen: Macht, Unsicherheit und Gehorsam Der niederländische Sozialpsychologe Geert Hofstede untersuchte ab den 1960er Jahren über 100.000 IBM-Mitarbeiter in 50 Ländern und entwickelte daraus ein Modell kultureller Dimensionen, das bis heute als Standardreferenz gilt. Einer der aufschlussreichsten Werte ist der *Power Distance Index* (PDI) — er misst, wie sehr eine Gesellschaft ungleiche Machtverteilung akzeptiert und erwartet. Frankreich erreicht einen PDI von 68. Österreich liegt bei 11 — dem niedrigsten Wert weltweit, gleichauf mit Israel. Das klingt zunächst paradox: Müssten Österreicher dann nicht weniger obrigkeitshörig sein als Franzosen? Die Auflösung liegt in einer zweiten Dimension: *Uncertainty Avoidance* — die Angst vor Unsicherheit. Hier erreicht Österreich 70, Frankreich sogar 86. Beide Kulturen mögen keine Unsicherheit. Aber sie gehen völlig unterschiedlich damit um. Frankreich kanalisiert diese Angst in Protest und Aktion — die Unsicherheit wird bekämpft, indem man auf die Straße geht. Österreich kanalisiert sie in Regeln, Titel und Konformität — die Unsicherheit wird vermieden, indem man sich einordnet. Dazu kommt: Frankreich kombiniert hohen PDI mit hohem Individualismus (71). Das erzeugt, was Hofstede-Forscher eine kulturelle „Spannung" nennen — individualistisch denkende Menschen in einer hierarchischen Struktur. Diese Spannung entlädt sich regelmäßig in Protest. In Österreich fehlt diese Spannung. Niedriger PDI und mittlerer Individualismus (55) ergeben eine Kultur, die sich in flachen Hierarchien einrichtet, ohne sie je ernsthaft herauszufordern. ### Milgram: Gehorsam im Labor Stanley Milgrams berühmte Gehorsamkeitsexperimente aus den 1960er Jahren — in denen Versuchspersonen auf Anweisung einer Autoritätsperson vermeintlich schmerzhafte Elektroschocks an andere verabreichten — wurden in zahlreichen Ländern repliziert. Die Ergebnisse sind aufschlussreich: Die USA kamen auf eine Gehorsamkeitsrate von 61%, der internationale Durchschnitt lag bei 66%. Deutschland und Österreich erreichten circa 80%. Vier von fünf Versuchspersonen in Österreich machten weiter, obwohl sie glaubten, jemandem erhebliche Schmerzen zuzufügen. Milgrams ursprüngliche Forschung begann übrigens mit einem Vergleich zwischen Franzosen und Norwegern hinsichtlich ihrer Neigung, sich Gruppennormen zu beugen — die interkulturelle Dimension war von Anfang an zentral. ### Streikstatistiken: Rebellion in Zahlen Die Zahlen sprechen für sich: Zwischen 1975 und 1989 hatte Frankreich 225.000 Streikteilnehmer pro Million Einwohner. Deutschland kam im gleichen Zeitraum auf 37.000. Österreich liegt noch deutlich darunter. Und die Forschung zeigt, dass französische Streiks häufig politische Themen betreffen und nicht nur unmittelbare Arbeitsbedingungen — der Streik funktioniert dort als demokratisches Kommunikationsmittel zwischen Bevölkerung und Regierung, nicht nur als Arbeitskampfinstrument. Gewerkschaften organisierten in den frühen 1990er Jahren 43% aller Straßendemonstrationen in Paris — eine Zahl, die die institutionelle Verankerung von Protest in Frankreich unterstreicht. ### Österreichische Protestkultur: Wissenschaftlich vermessen Eine vergleichende Studie von Rosenberger, Stern und Merhaut (2018) zur Protestkultur in Österreich, Deutschland und der Schweiz kommt zu einem klaren Befund: Österreichs außerparlamentarische Protestkultur ist moderater als in Deutschland oder der Schweiz. Die politische Kultur sei traditionell auf konsensuale Entscheidungsfindung ausgerichtet, insbesondere für jene Gesellschaftsschichten, die ins neokorporatistische System eingebunden sind. Soziale Protestbewegungen werden in der Regel von der institutionalisierten Politik ausgeschlossen. ### Die Gelbwesten: Psychologie einer Bewegung Die Gelbwesten-Bewegung von 2018 wurde wissenschaftlich intensiv untersucht. Studien zeigen, dass ein ungewöhnlich hoher Anteil der Teilnehmer Erstaktivisten waren — Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Protestaktion teilnahmen. Die wahrgenommene ökonomische Ungleichheit und das Gefühl einer abgehobenen politischen Elite waren die stärksten Prädiktoren für die Teilnahme. Die Bewegung wurde auch als Forschungsfeld für gemischte Methoden (Mixed Methods) genutzt und hat die französische Soziologie der sozialen Bewegungen methodisch vorangebracht. ### Das „French Protest Paradox" Aktuell läuft am Anthropo-Lab (Sciences Po / CNRS) ein Forschungsprojekt mit dem Titel „The French Protest Paradox" (2025–2028). Es untersucht eine zentrale Frage: Obwohl Frankreich eine lange Tradition zivilen Ungehorsams hat, führen häufige Demonstrationen nicht automatisch zu dauerhaften gesetzgeberischen Veränderungen. Die Rebellion ist kulturell tief verankert — aber ihre politische Wirksamkeit ist eine eigene, offene Frage. ### Fazit der Forschung Die Wissenschaft bestätigt, was die Geschichte erzählt: Der Unterschied zwischen französischer Rebellion und österreichischer Folgsamkeit ist kein Stereotyp. Er ist messbar, replizierbar und kulturell tief verwurzelt. Hofstede misst ihn in Dimensionen, Milgram im Labor, Streikstatistiken in Zahlen, und die vergleichende Protestforschung in Fallstudien. Österreich gehorcht, Frankreich rebelliert — und beides hat System. ## Polizei, Innenministerium und Bürokratie: Die Apparate hinter dem Unterschied Die Geschichte und die Zahlen erklären, warum Frankreich protestiert und Österreich nicht. Aber wie sieht es mit den staatlichen Institutionen aus, die auf Protest reagieren — oder ihn verhindern? Polizei, Innenministerium und das bürokratische System spielen in beiden Ländern eine fundamental andere Rolle. ### Frankreichs Bereitschaftspolizei: Eine Industrie des Protests Frankreich unterhält mit den Compagnies Républicaines de Sécurité (CRS) und der Gendarmerie Mobile zusammen rund 26.000 Bereitschaftspolizisten — zwei nationale Einheiten, dazu diverse städtische Ergänzungskräfte. Das Land zählt im Durchschnitt zehn politische Märsche pro Tag, rund 3.600 Einsätze pro Jahr, die Crowd Control erfordern. Es existiert eine ganze Infrastruktur rund um Protest und dessen Polizierung. In Österreich gibt es nichts Vergleichbares. Die WEGA in Wien und die Einsatzgruppen operieren in einer völlig anderen Größenordnung — weil es schlicht kaum Protest gibt, der eine solche Infrastruktur rechtfertigen würde. ### Die französische Brutalitätsfrage Und hier wird es paradox: Frankreichs Polizei gehört zu den brutalsten in Europa. Es gibt ein anhaltendes Desinteresse der verschiedenen Behörden — Innenministerium, Polizeipräfektur, Nationalpolizei, Gendarmerie — am Konzept der Deeskalation. Dieser Ansatz, der darauf abzielt, den Einsatz von Gewalt hinauszuzögern oder zu vermeiden, indem andere Strategien wie Dialog, Verzögerung oder Rückzug der Polizeikräfte priorisiert werden, wird in Frankreich weitgehend ignoriert. Das unterscheidet Frankreich von einer großen Zahl europäischer Länder. In den sechs Jahren bis 2023 wurde Frankreich fünfmal vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Polizeiübergriffen verurteilt. Die BRAV-M, eine motorisierte Einheit, die 2019 speziell zur Bekämpfung der unberechenbaren Gelbwesten-Märsche gegründet wurde, steht besonders in der Kritik. Allein seit Beginn der Gelbwesten-Bewegung 2018 wurden durch den Einsatz von Gummigeschossen (LBD40) 29 Menschen dauerhaft verstümmelt und 620 getroffen — 28 Prozent der Opfer am Kopf. Der entscheidende Unterschied zu Ländern wie Deutschland und Großbritannien: Während diese dem Prinzip der Deeskalation folgen, passt der französische Ansatz das Gewaltniveau an jenes der Protestierenden an — was in der Praxis oft bedeutet: eskalieren statt beruhigen. Forscher wie Sebastian Roché vom Centre National de la Recherche Scientifique nennen Kolonialismus, die Nachwirkungen von 1968 und einen generellen Überlegenheitskomplex der Polizeikultur als Einflussfaktoren. Die Waffen, die heute bei Demonstrationen zum Einsatz kommen, wurden während der Kolonialherrschaft „getestet" — Tränengas wurde in Algerien eingesetzt, bevor es im Mai 1968 in Frankreich selbst zur Anwendung kam. Ein EU-finanziertes Projekt brachte in den frühen 2010er Jahren 20 Organisationen aus elf europäischen Ländern zusammen, um neue Wege zur Spannungsreduktion zwischen Protestierenden und Polizei zu entwickeln. Frankreich nahm nicht teil. Die Franzosen protestieren also mehr — aber sie zahlen auch einen höheren Preis dafür. Das System reagiert mit Gewalt, und trotzdem gehen sie wieder auf die Straße. Das ist der eigentliche kulturelle Unterschied: In Österreich würde staatliche Gewalt gegen Demonstranten jede weitere Mobilisierung ersticken. In Frankreich befeuert sie den nächsten Protest. ### Das österreichische Innenministerium: Macht statt Protest In Österreich ist das Innenministerium seit Jahrzehnten politisch umkämpft — aber nicht wegen Protest, sondern wegen Macht. Seit 24 Jahren wird das Ministerium durchgängig von ÖVP oder FPÖ geführt. Die Polizei wird nicht primär gegen Protestierende eingesetzt — sie wird für innerparteiliche Machtspiele instrumentalisiert. Das deutlichste Beispiel: Als Herbert Kickl (FPÖ) 2017 Innenminister wurde, ordnete er im Februar 2018 eine Razzia gegen den eigenen Verfassungsschutz (BVT) an. Eine Einsatzgruppe unter der Leitung eines FPÖ-Gemeinderats stürmte die Räumlichkeiten und beschlagnahmte Gigabytes an Daten — darunter Ermittlungsdaten zu Rechtsextremismus, Burschenschaften und Identitären. Das Oberlandesgericht Wien stufte die Hausdurchsuchung später als rechtswidrig ein. Die Folgen waren verheerend: Mehrere ausländische Geheimdienste schnitten Österreich vom Informationsaustausch ab. Der Verfassungsschutz musste als DSN (Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst) komplett neu aufgebaut werden. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss brachte Verbindungen zwischen dem Spionage-Netzwerk um den mutmaßlichen Russland-Spion Egisto Ott und der FPÖ ans Licht. Kickl selbst formulierte sein Amtsverständnis in einem Satz, der tief blicken lässt: Es sei Aufgabe des Rechts, der Politik zu folgen — nicht umgekehrt. Eine Haltung, die in Frankreich undenkbar wäre — nicht weil französische Politiker moralischer wären, sondern weil die Bevölkerung es schlicht nicht hinnehmen würde. ### Sozialpartnerschaft: Die Bürokratie als Protestverhinderungsmaschine Unterhalb der Polizei- und Ministeriumsebene liegt das eigentliche Fundament österreichischer Konfliktlosigkeit: die Sozialpartnerschaft. Dieses System aus Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer, ÖGB und Industriellenvereinigung ist weltweit einzigartig — und sein Zweck ist explizit, Konflikte zu internalisieren, bevor sie je die Straße erreichen. Die Forschung zeigt, dass der österreichische Korporatismus eine erstaunliche Resilienz aufweist — selbst in Krisen, die anderswo zum Zusammenbruch solcher Systeme geführt haben. Die historischen Verhandlungspraktiken reichen bis zur Habsburger-Monarchie zurück. Die gesamte Republik basiert auf Kompromissen. Pflichtmitgliedschaft in den Kammern, vertikale Netzwerke zwischen Gewerkschaft, Arbeiterkammer und SPÖ einerseits, Wirtschaftskammer und ÖVP andererseits — das System ist so dicht verwoben, dass für außerparlamentarischen Protest kein Raum bleibt. Ein österreichischer Gewerkschaftsfunktionär brachte es auf den Punkt: Die gesamte Republik basiere auf Kompromissen, das sei der Unterschied. Eine aggressivere Kultur würde weder den Gewerkschaften noch dem Land nützen. Dieses Selbstverständnis ist das genaue Gegenteil der französischen Haltung, in der Konflikt nicht als Versagen, sondern als demokratisches Werkzeug gilt. Das Problem: Wer nicht Teil der Sozialpartnerschaft ist — und das sind die meisten Bürger — hat keinen Kanal. Die Bürokratie ist nicht nur langsam, sie ist absichtlich so konstruiert, dass Konflikte intern gelöst werden, bevor sie je die Öffentlichkeit erreichen. In Frankreich ist die Straße der normale Kommunikationskanal zwischen Volk und Regierung. In Österreich ist sie der allerletzte Ausweg — und wird kulturell als Systemversagen betrachtet. ### Historische Wurzeln: Vom Ständestaat zur Konsenspolitik Die Wurzeln reichen tiefer als die Zweite Republik. 1933 errichtete Engelbert Dollfuss mit der Vaterländischen Front ein autoritäres, korporatistisches Regime — den sogenannten Ständestaat. Alle politischen Parteien wurden verboten, die Sozialdemokraten 1934 im kurzen Bürgerkrieg militärisch niedergeschlagen. Dieses Trauma — Bürgerkrieg als Ergebnis ungelöster Konflikte — wurde nach 1945 zum Gründungsmythos der Sozialpartnerschaft: Nie wieder soll politischer Dissens so eskalieren, dass er in Gewalt mündet. Eine verständliche Reaktion. Aber der Preis ist hoch: Was als Friedensprojekt begann, wurde zur institutionalisierten Konfliktvermeidung. Der Reflex, jeden Dissens intern zu verhandeln, bevor er öffentlich wird, hat eine Gesellschaft hervorgebracht, in der es als unanständig gilt, laut zu sein — und in der diejenigen, die außerhalb des Systems stehen, schlicht nicht gehört werden. ### COVID-Proteste: Die Ausnahme, die die Regel bestätigt Die COVID-Proteste 2020/21 waren für österreichische Verhältnisse ein Bruch. Tausende gingen gegen Lockdowns und Impfpflicht auf die Straße — häufig organisiert von rechten Gruppen, aber auch von Familien und „gewöhnlichen" Bürgern. Die Reaktion des Staates war bezeichnend: Das Innenministerium und die Wiener Polizeidirektion verschärften die Richtlinien für Versammlungen, mit strengeren Auflagen bei der Anmeldung. Amnesty International kritisierte, dass diese Richtlinien keine klaren Kriterien für Einschränkungen der Versammlungsfreiheit etablierten und der Polizei im Kontext der Pandemie schlicht größere Befugnisse einräumten. Die Logik dahinter: Sobald Österreicher tatsächlich auf die Straße gehen, wird der Rahmen enger geschnürt — statt Protest als Teil des demokratischen Systems zu akzeptieren. In Frankreich hätte eine vergleichbare Verschärfung den nächsten Protest ausgelöst. In Österreich hat sie funktioniert: Die Proteste verebbten. ## Was Österreich fehlt Der entscheidende Unterschied zwischen Frankreich und Österreich ist nicht Temperament. Er ist Tradition. Den Franzosen wird von klein auf beigebracht, dass der Staat ihnen gehört — und dass es ihre Aufgabe ist, ihn zu kontrollieren. In Österreich wird beigebracht, dass der Staat schon weiß, was gut für uns ist. Wer aufmuckt, ist der Störenfried. Wer brav ist, wird belohnt. Dieses Muster zieht sich von der Schule über den Arbeitsplatz bis in die Politik. Es fehlt nicht an Gründen für Widerstand. Es fehlt an der kulturellen Erlaubnis, ihn auszuüben. Vielleicht beginnt es im Kleinen: Mit jemandem, der mit Musik durch die Stadt geht und sich weigert, unsichtbar zu sein. Nicht als Provokation — sondern als Erinnerung daran, dass öffentlicher Raum allen gehört. Und dass Rebellion nicht immer laut sein muss, um echt zu sein. --- *Dieser Artikel entstand aus einem Gespräch über Musik, Sichtbarkeit und die Frage, ob man sich im öffentlichen Raum Platz nehmen darf.* --- ## Quellen und weiterführende Links **Kulturdimensionen und Gehorsamkeitsforschung** - Hofstede, G. — [The 6 Dimensions Model of National Culture](https://geerthofstede.com/culture-geert-hofstede-gert-jan-hofstede/6d-model-of-national-culture/) - Hofstede Insights — [Country Comparison Tool (Österreich, Frankreich u.a.)](https://www.theculturefactor.com/country-comparison-tool) - Hofstede's Cultural Dimensions Theory — [Übersicht und Kritik (Simply Psychology)](https://www.simplypsychology.org/hofstedes-cultural-dimensions-theory.html) - Hofstede's Dimensions — [Power Distance, Individualism etc. (LibreTexts)](https://socialsci.libretexts.org/Bookshelves/Communication/Intercultural_Communication/Intercultural_Communication_(Ahrndt)/03:_Beliefs_Values_and_Cultural_Universals/3.02:_Hofstede's_Dimensions_of_Culture_Theory) - Bierbrauer, G. — [Stanley Milgram's Legacy to Cross Cultural Psychology (PDF)](https://www.allgemeine-psychologie.info/cms/images/stories/allgpsy_journal/Vol%207%20No%202/03_bierbrauer.pdf) - Milgram-Replikationen & Gehorsam — [Culture and Psychology: Obedience](https://open.maricopa.edu/culturepsychology/chapter/obedience/) **Französische Protestforschung** - Dufour, Leboucher et al. 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